DUP UNTERNEHMER-Magazin: Welche Fähigkeiten entscheiden heute über die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens?
Carsten Maschmeyer: Dinge wie Erfahrung oder Resilienz waren früher wichtig und sind es heute immer noch. Neu ist die Lerngeschwindigkeit. Die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz ist so rasant, dass das Wissen von gestern heute schon veraltet ist. Wer heute nicht lernt, mit KI zu arbeiten, wird morgen von jemandem ersetzt, der es tut.
Was unterscheidet KI-Strategen von denen, die nur auf Sicht fahren?
Maschmeyer: KI ist nicht nur ein Tool, um Excel-Tabellen oder Powerpoint-Präsentationen schneller zu erstellen oder sich bei E-Mails ein paar Anregungen zu holen. KI kann weit mehr. Ich rate zum Beispiel allen Unternehmern, KI in die strategische Entscheidungsfindung zu integrieren. Wieso nicht KI nutzen, um Marktveränderungen vorherzusagen, bevor die Konkurrenz das Problem überhaupt erkennt?
Liegt das Problem der deutschen Investitionsvorsicht im Kapital, in der Kultur oder in der Definition von Erfolg?
Maschmeyer: Leider haben wir in Deutschland einen Kult um die Risikovermeidung. Wir brauchen aber das Bewusstsein, dass „Scheitern“ eine notwendige Zwischenstufe zum Erfolg ist. Ein Beispiel: In den USA wurden schon 2012 selbstfahrende Autos zugelassen. Bei uns wird das noch ewig dauern, weil ja vielleicht etwas passieren könnte. Wir haben aber aktuell mit menschlichen Fahrern fast 360.000 Verletzte und fast 3.000 Tote auf Deutschlands Straßen. Ich bin sicher, mit autonomem Fahren wären es weniger.
Welche Form von Leadership wird in einer automatisierten Welt relevant?
Maschmeyer: Gute Führungskräfte übernehmen das, was die KI nicht kann. Empathie, ihre Mitarbeitenden mit Visionen und Begeisterung zu inspirieren, auch mal zuzuhören. Mikromanagement ist jetzt schon ein Unding und wird hoffentlich durch KI und noch mehr Digitalisierung endgültig verschwinden.
Welche Fehler machen Firmen bei der KI-Implementierung?
Maschmeyer: Ich muss es ganz deutlich sagen: Wer jetzt abwartet, wohin sich KI entwickelt, und sie nicht sofort einsetzt, wird verlieren. KI in Unternehmen funktioniert nach dem Prinzip „Trial and Error“, nicht nach „Wait and See“. Die Entwicklung ist so rasant, beinahe exponentiell. Wer jetzt KI nicht nutzt, ist nächstes Jahr abgehängt. Das Gefährliche ist: Wir Menschen überschätzen häufig die kurzfristigen Effekte, aber unterschätzen die langfristigen. Vielleicht bringt Künstliche Intelligenz aktuell noch keinen sichtbaren Mehrwert an Produktivität und Umsatz. Schon sehr bald aber wird, wer KI einsetzt, einen riesigen Produktivitätsschub erleben.
Wie verändert sich die Unternehmenskultur, wenn Leistung sichtbarer wird?
Maschmeyer: Wenn Ergebnisse transparent sind, haben Ausreden keinen Platz mehr. Das schafft eine gesunde Leistungselite, in der sich die Besten wohlfühlen, weil ihr Beitrag messbar gewürdigt wird. Dann wird hoffentlich auch endlich klar, dass Leistung nicht bedeutet, einfach am längsten Präsenz zu zeigen oder die meisten E-Mails zu schreiben, sondern dass es immer auf Ergebnisse ankommt.
Welche strukturelle Veränderung wäre sofort spürbar – und warum scheitert sie?
Maschmeyer: Wir sollten das erste Land werden, das die Verwaltung fast komplett durch KI ersetzt. Die Verwaltung ist ohnehin an Regeln, Gesetze und Richtlinien gebunden. Davon haben wir mehr als genug. Für große Datensätze ist die KI perfekt geschaffen. Wir hätten dann schlagartig nicht mehr Bearbeitungszeiten von mehreren Wochen, Monaten oder Jahren, sondern von Sekunden. Das wäre ein enormer Wettbewerbsvorteil. Beim Bürokratieabbau habe ich die Hoffnung beinah aufgegeben. Unternehmen müssen circa 12.000 bürokratische Pflichten beachten. Dann werden vier gestrichen, zwei neue kommen hinzu, und die Politik feiert es als Entbürokratisierung. Aber ich bin Realist: Es scheitert an der politischen Angst vor dem angeblichen Risiko, die die Chancen ausblendet, und an einem überholten Verständnis von Sicherheit, das dazu führt, dass andere uns international den Rang ablaufen.
Welche Entscheidung hat Ihnen den klarsten Blick auf Risiko gegeben?
Maschmeyer: Mein Business ist Venturecapital, was ich aber eher nicht mit Risikokapital, sondern mit Chancenkapital übersetzen würde. Den klarsten Blick auf Chancen geben mir die vielen jungen Gründenden, die mit tollen Ideen und Mut ein Unternehmen gründen und die ich gern dabei unterstütze, das Leben in Teilen nachhaltiger, sicherer, angenehmer zu machen.
Was glauben Sie: Welches Instrument würde die Wirtschaft sofort resilienter machen?
Maschmeyer: Ich würde ein Pflichtfach Unternehmertum an jeder Schule einführen. Die deutsche Wirtschaft leidet nicht an zu wenig Geld, sondern an zu viel Angst. Es ist doch erschreckend, wie viele Schüler und Studierende in den öffentlichen Dienst wollen. Dann würden wir auch endlich als Gesellschaft lernen, dass Scheitern nur ein Feedback-Mechanismus ist. Wenn wir eine Generation heranziehen, die Probleme als Chancen sieht statt als Bedrohungen, ist Deutschland unschlagbar. Und, selbst wenn ich die Hoffnung fast aufgegeben habe: Entbürokratisierung. Für jede neue Vorschrift müssen zwei oder lieber drei alte gestrichen werden. Wir ersticken unsere Innovationskraft in einem Dickicht aus Bedenken. Dabei haben wir so viele innovative, motivierte Unternehmerinnen und Unternehmer sowie Gründende. Dass wir denen solche Fesseln anlegen, ist wirklich eine absurde Dummheit.

