Es gibt Reiseziele, die längst nicht mehr nur Urlaub versprechen, sondern eine unbequeme Wahrheit erzählen: Tourismus ist nicht automatisch Wohlstand. Er kann auch Verschleiß bedeuten. Bali ist dafür ein Paradebeispiel. Wer hier ankommt, sucht das Postkartenbild: sattgrüne Reisfelder, buddhistische Tempel, türkisfarbenes Meer. Doch der erste Eindruck ist ein anderer: Müll am Straßenrand und an den Traumstränden sowie kilometerlange Staus im Süden. Das sind Belege dafür, dass die Insel am Limit ist.
Overtourism ist dort ein realer Druck auf Natur, Infrastruktur und Gesellschaft. Die ungebrochen hohe Nachfrage nach dem Traumurlaub überfordert das System vor Ort.Für einen globalen Touristikkonzern wie Tui ist diese Situation keine exotische Randnotiz, sondern eine strategische Frage. Denn die Natur ist in dieser Branche nicht nur Kulisse, sie ist Produkt. Wenn Riffe sterben und Landschaften kippen, wenn lokale Gemeinschaften den Tourismus nicht mehr tragen wollen, dann verliert das Geschäftsmodell des Tourismus seine Grundlage. Nachhaltigkeit wird damit zur ökonomischen Notwendigkeit.
Stiftung ist unabhängig organisiert
Dass Tui sich dieser Herausforderung nicht nur über eigene Emissionsziele und Lieferkettenprogramme nähert, sondern auch über Projekte vor Ort, zeigt die Arbeit der unternehmensnahen Tui Care Foundation. Konzernsprecher Christian Rapp beschreibt die Konstruktion als bewusst getrennt: „Während Tui sich auf die nachhaltige Gestaltung der eigenen Geschäftsprozesse konzentriert – etwa durch Emissionsreduktionen, Kreislaufwirtschaft und nachhaltige Lieferketten –, kann die Stiftung Projekte initiieren, die den Tourismus als Motor für gesellschaftliche Entwicklung nutzen“, so Rapp.
Gerade weil die Tui Care Foundation unabhängig organisiert ist und nicht kommerziellen Zielen folgt, kann sie als Vermittlerin auftreten: zwischen Nichtregierungsorganisationen (NGOs), lokalen Akteuren, Gemeinden und touristischer Wertschöpfung. Und sie kann Themen treiben, die ein Konzern allein oft nicht glaubwürdig besetzen würde – Bildung, Naturschutz, gemeinschaftliche Selbstbestimmung.
Manuel Ferreira, Head of Programme Management and External Communications der Tui Care Foundation, beschreibt diese Arbeitsweise als systematischen Ansatz: „Die Stiftung arbeitet in zehn Programmlinien – von Ausbildungsformaten über Entrepreneurship bis zu Biodiversitäts- und Meeresschutz.“ Entscheidend sei, so Ferreira, dass man nicht einfach Geld verteile, sondern Projekte gemeinsam mit Partnern aufbaue, die als glaubwürdig und fachlich führend gelten – ob lokale Nichtregierungsorganisationen, öffentliche Einrichtungen oder internationale Organisationen.
Der Blick richte sich immer zuerst auf den Partner, seine Expertise, die Umsetzungsfähigkeit und nicht zuletzt die Verankerung in der Region. Und mindestens genauso wichtig sei die Frage, ob ein Projekt langfristig bestehen kann, ohne eine Abhängigkeit von Stiftungsgeldern zu erzeugen. Deshalb werde bei vielen Kooperationen bereits im Design mitgedacht, wie lokale Organisationen ihre Fundraising-Kompetenz stärken und zusätzliche Finanzierungsquellen erschließen können. Projekte würden deshalb über standardisierte Zielsysteme evaluiert. Und trotzdem, sagt Ferreira, müsse man auch die Geschichten sehen, die entstehen. Die Veränderungen im Alltag, neue Einkommensperspektiven, Selbstwirksamkeit in Communitys.
Korallen pflanzen als Attraktion

An zwei Projekten, die unterschiedlicher kaum sein könnten und dennoch dasselbe Ziel verfolgen, wird das auf Bali greifbar: den Tourismus so zu verändern, dass er die natürlichen Grundlagen nicht zerstört, sondern stärkt. Das erste Projekt liegt im Osten der Insel, in Padang Bai, einem Küstenort, der für Taucher und Schnorchler aus der ganzen Welt ebenso attraktiv ist wie für einheimische Fischer.
Hier setzt das Programm „Tui Sea the Change“ an. Mit der gezielten Wiederherstellung beschädigter Riffstrukturen unter Wasser. Korallenfragmente werden dafür auf künstlichen Trägerkonstruktionen aus Metall befestigt, wachsen an, bilden neue Habitate und stabilisieren so ein Ökosystem, das vielerorts massiv unter Druck steht. Korallenriffe sind empfindlich, reagieren direkt auf Temperaturanstiege und Verschmutzung, auf unkontrollierten Bootsverkehr und physische Belastung. Für Destinationen wie Bali ist ihr Zustand jedoch nicht nur eine ökologische Frage, sondern auch eine wirtschaftliche. Denn Orte, die ihre Riffe verlieren, verlieren gleichzeitig Biodiversität, Fischbestände und touristische Attraktivität.
In Padang Bai sei laut Leon Boey, Director der Livingseas Foundation, die das Korallenprojekt initiiert hat, innerhalb weniger Monate sichtbar geworden, wie schnell Korallenfragmente in einem passenden Umfeld wieder zu einem lebendigen Riff anwachsen können – und wie rasch sich dort neues Leben unter Wasser ansiedelt. Gleichzeitig folgt das Projekt einer entscheidenden Logik: Naturschutz soll nicht abgekoppelt vom Tourismus stattfinden, sondern mit ihm verwoben werden. Urlauber können deshalb die Wiederherstellungsfläche besuchen, beim Pflanzen helfen oder Korallen adoptieren und so direkt zum Schutz beitragen. Ein Angebot für Gäste, die bereit sind, Verantwortung nicht als Verzicht zu verstehen, sondern als sinnstiftenden Teil ihrer Reise.
Landwirtschaft als Zukunftsmodell

Das zweite Projekt spielt nicht am Meer, sondern im Landesinneren Balis und heißt „Astungkara Way“. Hinter diesem Namen verbirgt sich ein Ansatz für regenerative Landwirtschaft und den Erhalt des balinesischen Agrarsystems. Denn die Realität auf der beliebten Urlaubsinsel zeigt: Reisfelder verschwinden, weil Land in Hotel- und Villenflächen umgewandelt wird. Junge Menschen wechseln aus der Landwirtschaft in den Dienstleistungssektor, weil Tourismus schneller Geld bringt. Und damit gerät ein System aus dem Gleichgewicht, das Bali nicht nur ernährt, sondern kulturell zusammenhält. „Astungkara Way“ setzt genau an diesem Punkt an, wie die vier indonesischen Guides namens Ming, Eci, Oka und Adit bei einem Vor-Ort-Termin erläutern.
Der Ansatz des Projekts sei regenerativ, nicht nur „bio“ im engeren Sinne. Es gehe vielmehr um Bodengesundheit, Resilienz, neue Einkommensperspektiven – und um eine Rückübersetzung der touristischen Nachfrage in eine lokale Stabilität. Statt Landwirtschaft als Relikt aus der Vergangenheit zu behandeln, wird sie durch die Rückbesinnung auf traditionelle Anbaumethoden als Zukunftsmodell für die Insel verstanden: als Verbindung zwischen Bauern, jungen Menschen, Reisenden und Hotellerie. Das Projekt steht beispielhaft für viele weitere Projekte der Tui Care Foundation weltweit. Wer nachhaltige Agrarpraktiken beherrscht, soll an den Erfolgen des Tourismus teilhaben und gleichzeitig zur Resilienz der Destination beitragen. An dieser Schnittstelle zwischen den Menschen vor Ort und der Ökologie entstehen positive Effekte für die einheimische Bevölkerung wie für den Tourismus.
Marktstabilität durch Nachhaltigkeit
Gerade darin liegt die eigentliche Botschaft dieser Projekte: Nachhaltigkeit ist nicht mehr das schöne Extra, das man sich in guten Jahren leistet. Sie ist der Versuch, einen Markt stabil zu halten. Denn Overtourism erzeugt Widerstände, Destinationen reagieren zunehmend mit Einschränkungen, Moratorien und Regulierungen. Und je stärker der Druck vor Ort wächst, desto schneller wird aus touristischer Freiheit eine politische Konfliktzone.
Nur wenn vor Ort die Menschen am Erfolg des Tourismus teilhaben, wenn touristische Player wie Tui ihren ökologischen Fußabdruck minimieren und der Tourismus Wachstum und Wohlstand in den Destinationen fördert, wird er dort auch weiter unterstützt werden. Tui-Sprecher Rapp: „Die Stiftung profitiert von der globalen Präsenz und Infrastruktur des Konzerns, um Projekte effizient umzusetzen.“ Gleichzeitig liefere die Tui Care Foundation wiederum wichtige Impulse zurück in die Konzernstrategie.
Am Ende bleibt die Erkenntnis, die sich auf Bali kaum verdrängen lässt: Tourismus ist mehr als Reisen. Er ist ein Eingriff in Lebensräume und birgt damit immer auch die Gefahr, dass wirtschaftlicher Nutzen auf Kosten der Natur erkauft wird.



