Es gibt Orte, an denen Luxus vor allem darin besteht, möglichst wenig organisieren zu müssen. Südtirol gehört dazu. Morgens zwischen Obstplantagen frühstücken, am Vormittag auf einen Berg steigen, nachmittags im Pool entspannen und abends in einem Gasthof essen, dessen Küche ambitionierter ist, als seine holzgetäfelte Stube vermuten lässt. In Norditalien liegen die Dinge erfreulich nah beieinander. Das macht die Region gerade für Familien interessant. Denn Familienurlaub ist häufig eine logistische Disziplin: Kinder wollen Beschäftigung, Eltern Erholung, alle gemeinsam gutes Essen. In Südtirol werden alle Ansprüche bedient. Die Region verbindet Natur, Gastronomie und eine Hotellerie, die sich in den vergangenen Jahren stark professionalisiert hat.

Bemerkenswert ist, dass viele Häuser trotz erheblicher Investitionen Familienunternehmen geblieben sind. Der Eigentümer ist hier oft ein Mensch, der morgens durch den Frühstücksraum geht, nachmittags mit dem Handwerker spricht und abends einen Wein empfiehlt. Zwei sehr unterschiedliche Hotels stehen exemplarisch dafür: die „Amaris Suites“ in Rabland bei Meran und das „Bella Vista“ in Trafoi am Ortler.
Familienbetrieb und modernes Aparthotel
Das „Amaris“ liegt dort, wo Südtirol beinah mediterran wirkt. Rund um Rabland wachsen Äpfel und Wein, das wunderschöne Städtchen Meran ist nicht weit entfernt, dahinter erhebt sich die Texelgruppe. Die Familie Klotzner hat hier ihr Haus über Jahre umgebaut und bis Mai 2026 umfassend erneuert. Daniel Klotzner führt den Betrieb mittlerweile in dritter Generation. Sein Großvater errichtete das ursprüngliche Haus 1980. Fast 40 Jahre später, genauer 2019, übernahm die Familie den Betrieb wieder selbst und entwickelte ihn Schritt für Schritt weiter.
Die Führung durch die Familie beeinflusst das Konzept. Die Klotzners haben das „Amaris“ danach ausgerichtet, wie sie selbst gern Urlaub machen: Frühstück ja, danach möglichst wenig Verpflichtungen. „Zum Frühstück gehen war uns immer wichtig, aber den Rest des Tages wollten wir einen Berg hoch, am Meer entlang und am Abend die Kulturen des Landes kennenlernen“, sagt Klotzner. Rund um Meran gebe es schließlich alles – vom familiengeführten Gasthof mit Streichelzoo bis zum Gourmetrestaurant. Deshalb bietet das „Amaris“ bewusst keine klassische Halbpension an. Das klingt zunächst nach weniger Service, bedeutet für Familien aber vor allem mehr Freiheit. Klotzner beobachtet, dass viele Eltern lange Abendmenüs mit kleinen Kindern eher als Stress empfinden.

Dafür verfügt das Haus über moderne, überaus geräumige Apartments und Suiten, Indoor- und Outdoor-Pools, Kinderbereiche, -betreuung und einen Wellnessbereich samt Adults-only-Sky-Terrasse. Eltern können sich also zurückziehen, Kinder beschäftigt sein – ohne dass die Familie ihren Urlaub an den Takt des Hotels anpassen muss.
Wesentlich mehr als die Dolomitenkulisse
Südtirol eignet sich hervorragend für einen Urlaub, bei dem das Hotel Ausgangspunkt statt alleiniger Aufenthaltsort ist. Im Tal prägen Landwirtschaft und Obstanbau die Landschaft, weiter oben Almen und Viehwirtschaft. Stephan Gander, Gastgeber des Hotels „Bella Vista“ in Trafoi und früherer Marketingdirektor von Südtirol, beschreibt diese Verbindung als Teil der Marke: Tourismus und für die Region typische Lebensmittel gehören zusammen (siehe Interview rechts). Für Reisende heißt das: Die Landschaft ist keine reine Ferienkulisse, sie wird bewirtschaftet. Und sie bietet eine enorme Dichte an Outdoor-Möglichkeiten. Im Meraner Land führen Radwege durchs Tal und Wanderwege in die Berge. Weiter westlich wird die Landschaft schroffer, sie zieht Rennradfahrer an. Rund um Ortler und Nationalpark Stilfserjoch beginnen Berg- und Wandertouren. Im Winter übernehmen die Skifahrer.
Südtirol punktet mit unterschiedlichsten Erlebnissen und kurzen Wegen. Der Erfolg hat allerdings eine Kehrseite. Der Pragser Wildsee, die Drei Zinnen und einige Dolomitentäler gehören längst zur internationalen Bilderwelt sozialer Medien. Wo früher Reiseführer Besucher lenkten, tun es heute Instagram und TikTok. Die Region versucht deshalb zunehmend, Gäste räumlich und zeitlich besser zu verteilen. IDM Südtirol, die zentrale Dienstleistungsgesellschaft und Wirtschaftsagentur der Autonomen Provinz Bozen, betreibt ein Hotspot-Management. An besonders belasteten Orten kommen Verkehrs- und Zugangskonzepte hinzu. Auch Künstliche Intelligenz spielt dabei eine Rolle. Digitale Assistenten können Gästen auf Basis von Informationen zu Ausflugszielen, Wegen, Verkehr oder Wetter Alternativen zu überlaufenen Sehenswürdigkeiten empfehlen. Das Prinzip ist bemerkenswert: Dieselbe Digitalisierung, die Menschen an wenige Fotospots geführt hat, soll sie nun wieder über die Region verteilen. Denn die Region wird nicht schlechter, je weiter man sich als Reisender vom Instagram-Hotspot entfernt.

Speltakulärer Neubau am Ortler
Trafoi ist dafür ein gutes Beispiel. Das Dorf liegt auf rund 1.550 Metern im Nationalpark Stilfserjoch, über dem Tal erhebt sich der Ortler. Der Berg ist mit 3.905 Metern die höchste Erhebung der italienischen Provinz Südtirol und der Region Tirol. Hier steht seit 1875 das Hotel „Bella Vista“. Auch dieses Haus ist Familiengeschichte in gebauter Form. Die Familie Thöni-Gander führt es heute in mehreren Generationen. Inzwischen arbeitet bereits die sechste mit: Der Sohn hilft im Sommer, die Tochter betreut unter anderem den hauseigenen Social-Media-Auftritt. Das Haus hat gerade einen erheblichen Modernisierungsschub hinter sich. Ein Neubau nach Plänen des Architekten Matteo Thun erweitert das historische Hotelgebäude um neue Suiten und einen großen Wellnessbereich. Ein beeindruckendes Projekt inmitten einer malerischen Landschaft.
Gastgeber Stephan Gander beschreibt das Haus weiterhin als Boutiquehotel. Früher gab es 26 Zimmer, im Frühjahr 2026 kamen 24 weitere hinzu. Dennoch sei die Größe weiterhin so, „dass wir die Gäste persönlich kennenlernen können“. Noch stärker zeigt sich die Familienprägung beim Hotelkonzept. Gander und seine Frau haben selbst fünf Kinder. Viele Urlaube hätten sie so verbracht, erzählt er, dass einer von beiden bei den Kindern blieb, während der oder die andere allein zu Abend aß. Daraus entstand eine klare Haltung: „Wir sind ein Familienhotel.“ Familie bedeute laut Gander gemeinsame Zeit, aber auch Momente, in denen Kinder betreut würden und Eltern in Ruhe miteinander essen könnten. Fast zehn Hektar Land gehören zum Betrieb, sogar eine Viehzucht. Rindfleisch aus eigener Landwirtschaft gelangt so direkt in die Hotelküche und auf die Teller der Gäste. Vor allem aber können Kinder draußen auf der Wiese vor der Kirche herumlaufen und spielen. Gerade diese Freiheit nennt Gander „Luxus“.
Mit dem Neubau rückt im „Bella Vista“ auch Wellness stärker in den Mittelpunkt. Doch es soll nicht nur bei Sauna und Pools bleiben. Zwei Schritte hinter dem Haus beginnt der Trafoier Canyon, eine alpine Schlucht. Das Wellnessprogramm des Hotels wurde bereits um Yoga, Pilates, Meditation und Atmungswanderungen ergänzt; dieses Thema wolle die Familie Gander-Thöni weiter ausbauen. Die Idee passt zu einem Wandel im Luxussegment. Interessanter werden Hotels dort, wo sich Architektur, Küche, Gastgeber und Landschaft nicht beliebig voneinander trennen lassen. In Südtirol ist das in Trafoi und vielen weiteren Orten der Fall.
"Die Natur ist unsere größte Stärke"

BIG BANG UNTERNEHMER-Magazin: Das „Bella Vista“ in Trafoi gibt es seit 1875. Wie präsent ist die Familiengeschichte heute?
Stephan Gander: Unser Haus ist voller Geschichte. Ich habe vor einiger Zeit einen Eintrag in einem Gästebuch gefunden, dass Max Planck Anfang des 20. Jahrhunderts auch schon mal unser Gast war. Mittlerweile ist die sechste Generation am Werk, beispielsweise hilft unser Sohn im Sommer mit, unsere Tochter arbeitet an der Rezeption und betreut unter anderem unseren Instagram-Kanal.
Sie haben das Hotel stark erweitert. Wie bleibt es trotzdem persönlich?
Gander: Wir hatten bis Frühjahr 26 Zimmer, mit der Eröffnung des Erweiterungsbaus sind 24 weitere dazugekommen, trotzdem bleiben wir ein Boutiquehotel. Die Größe ermöglicht es uns, die Gäste persönlich kennenzulernen. Das ist uns sehr wichtig.
Was ist für Sie Luxus?
Gander: Wir haben fast zehn Hektar Grund vor dem Hotel. Unsere Gäste und deren Kinder können draußen spielen und sich frei bewegen. Dieses Freiheitsgefühl ist ein großer Luxus.
Was macht für Sie ein gutes Hotel aus?
Gander: Atmosphäre, Küche, Lage, Gastgeber – und vielleicht noch der Wellnessbereich. Das wären meine fünf Kriterien.
Welche Rolle soll Wellness künftig bei Ihnen spielen?
Gander: Wir haben den Canyon von Trafoi direkt vor der Tür. Darin steckt ein großes Potenzial. Die Natur ist unsere größte Stärke. Deshalb machen wir Atmungswanderungen, Yoga, Pilates und Meditation. Dieses Thema wollen wir in Zukunft noch stärker ausbauen.
Was unterscheidet ein familiengeführtes Haus von einer großen Kette?
Gander: Wir lieben den Kontakt zu den Gästen. Wir sind Gastronomen, und wir lieben, was wir tun. Das ist unser Leben. Und das sollen unsere Gäste tagtäglich spüren.
