Es sollte bei Volkswagen vor sechs Jahren nicht weniger als der ganze große Aufschlag werden. Intern sprach man von der umfassendsten Transformation in der Geschichte des Unternehmens, ähnlich wie damals in den 1970er-Jahren beim Wechsel vom Käfer zum Golf. Die zukünftige Mobilität, so zumindest war es zum Ende des vorigen Jahrzehnts immer wieder aus der Wolfsburger Konzernzentrale zu hören, sei elektrisch.
Doch als VW 2020 das Tuch von seinem ersten Stromer, dem Kompaktmodell ID.3, herunterzog, hielt sich die Begeisterung für das elektrisch angetriebene Golf-Pendant in Grenzen. In den Medien hagelte es Schelte. Billige Qualitätsanmutung im Interieur, Softwareprobleme und teils umständliche Bedienung waren die Hauptkritikpunkte.

Mängel, die einzig Marken- und Konzernchef Herbert Diess zu verantworten hatte. Der ehemalige BMW-Entwicklungschef, 2015 nach Wolfsburg geholt, ließ zwar parallel zur Aufarbeitung des VW-Diesel-Betrugsskandals einen komplett neuen Elektrobaukasten (MEB) entwickeln, setzte dabei aber seine Ingenieure und Controller mächtig unter Kostendruck. Auch der dem ID.3 folgende ID.4, ein SUV der Mittelklasse, musste Kritik in Sachen Materialanmutung und Bedienung einstecken. Jetzt soll alles anders werden. Volkswagen richtet seine Kernmarke unter dem Leitmotiv „True Volkwagen“ neu aus, stellt dafür als Erweiterung der ID-Familie neue elektrische Klein- und Kompaktwagen vor. Wert legt VW auf die Tatsache, dass die Modelle sämtlich in Europa und für Europa entwickelt worden sind.
„Wir schärfen die Marke Volkswagen“
Auf der To-do-Liste standen unter anderem ein attraktives Preis-Leistungs-Verhältnis, eine bessere Materialanmutung im Interieur, intuitive und einfache Bedienung und ein Coming-Home-Gefühl. Die Cockpits der Neulinge sollen sich zwar im Detail unterscheiden, nicht aber im Grundlayout. So bekommen alle ID-Modelle eine Schalterleiste mit Hard Keys unterhalb des Zentralbildschirms. Zudem kehrt man zurück zu klassischen Außentürgriffen. Die neue Ausrichtung knüpft an Merkmale an, mit denen sich Volkswagen über Jahrzehnte definiert hat. „Im Jahr 2022 haben wir im Markenvorstand eine klare Entscheidung getroffen. Wir schärfen die Marke Volkswagen und konzentrieren uns wieder konsequent auf unsere Kerntugenden“, sagt Thomas Schäfer, Mitglied des Konzernvorstands, CEO der Marke Volkswagen Pkw und Leiter der Markengruppe Core.
Zu diesen Tugenden gehört es auch, ikonische Modellnamen in die Elektromobilität zu überführen. Mittelfristig wird es keine Zahlen hinter dem ID-Kürzel mehr geben. Aus ID.3 wird nach der jetzigen Modellpflege ID.3 Neo und in nächster Generation der ID.Golf. Eine Klasse tiefer fährt der ID.Polo. Er debütiert noch in diesem Jahr und gehört zur sogenannten Electric Urban Car Family. Weitere Mitglieder: ID.Cross als Nachfolger des T-Cross, Cupra Raval und Škoda Epiq. Produziert werden diese Modelle im spanischen Martorell – am Sitz von Seat – als Teil der von Volkswagen ausgerufenen Strategie „Electric Spain“.
Die gemeinsame technische Basis bildet der MEB+, eine Abwandlung des MEB (Modularer Elektrifizierungs-Baukasten), wie er im ID.3 Neo und den anderen größeren ID-Modellen steckt. Größter Unterschied: Front- anstatt Heckantrieb. Dies bringt Vorteile beim Package und Gewicht. So verfügt der ID.Polo über ein großes, tiefes Fach unterhalb des normalen Kofferraumbodens. Zudem kommen erstmals kostengünstigere LFP-Akkus (Lithium-Eisen-Phosphat-Akkus) zum Einsatz. Und der Stromspeicher wird nach der Cell-to-Pack-Methode direkt in den Fahrzeugboden integriert. So kann auf die bisherige Modulbauweise verzichtet werden. Das spart Kosten und Gewicht und schafft Platz für ein größeres Energievolumen. Bis zu 454 Kilometer soll der ID.Polo in der Version mit der größten Batterie schaffen. VW zielt bei dem neuen Kompakt-Stromer auf einen Einstiegspreis von unter 25.000 Euro. Zum einen, um E-Mobilität in Europa breitflächig in den Markt zu bringen. Zum anderen, um sich Elektroautoanbietern aus Korea, China und Europa zu stellen, die mit aggressivem Preiswettbewerb um die Käufer buhlen.
VW Elektromobilität für alle Ansprüche
Doch damit nicht genug. Das Wolfsburger Unternehmen geht noch einen Schritt weiter – Richtung 20.000 Euro und damit ins sogenannte A0-Segment (Länge circa 3,80 Meter). Gezeigt hat man hierzu bereits 2025 die Studie ID.Every1. Aus ihr leitet sich voraussichtlich noch 2027 das Serienmodell ID.up! ab. Im selben Jahr steht auch die Ablösung des ID.4 auf dem Plan. Vorstellen wird VW das SUV allerdings noch im kommenden Herbst. Der traditionellen Namensstrategie zufolge dürfte die Modellbezeichnung ID.4 aber nicht weiterleben, zumal VW sich parallel vom Coupé-Derivat ID.5 verabschiedet. Spatzen pfeifen es bereits seit Längerem von den Wolfsburger Dächern, offiziell allerdings hüllt sich VW weiterhin in Schweigen. Dabei ist es doch ganz offensichtlich – es kann nur einen Namen geben, der als würdiger Nachfolger für den ID.4 infrage kommt: ID.Tiguan.
