Gastbeitrag

Ganzheitliche Gesundheit

One Health: Warum Gesundheit neu gedacht werden muss

Gesundheit ist mehr als Medizin. Sie entsteht im Zusammenspiel von Mensch, Tier und Umwelt. Wer sie verstehen will, muss größer denken – und systemischer handeln.

Drei Ärztinnen und Ärzte in einer Krankenhauslobby, im Hinetrgrund eine grüne Weltkarte, als Symbolbild für das Thema One Health

02.04.2026

Gesundheit neu verstehen

Wenn wir heute über Gesundheit sprechen, denken wir immer an unsere, an die Gesundheit der Menschen. Dieser anthropozentrische Ansatz wird dem Gesamtbild der Gesundheit aber nicht gerecht. Man muss hier viel breiter denken: Es gibt nur eine Gesundheit – und die muss alle Lebewesen inklusive natürlicher Begleitumstände erfassen: One Health!

Diese breitere Perspektive muss in jedem Fall Humanmedizin, Tiermedizin, Klimaforschung und Biodiversitätsforschung integrativ erfassen, eventuell auch noch Lieferketten und Flüchtlingsbewegungen. Ein paar Beispiele gefällig?

Zoonosen: Die Verbindung von Tier- und Menschengesundheit

Tiermedizin und Humanmedizin hängen sehr eng zusammen. Ein Großteil der Infektionserkrankungen der Menschen sind Zoonosen, also Erreger, die von Tieren auf Menschen übergehen. Erreger können Bakterien, Viren, Einzeller, Arthropoden oder Prionen sein.

Das Beispiel, das alle noch vor Augen haben, war der Corona-Erreger SARS-CoV-2, der von Fledermäusen stammte. Ein solches Überwinden von Artenschranken wird durch menschliche Verhaltensweisen erleichtert – nicht nur in den Tropen (Tiermärkte, Rodungen), sondern durchaus auch in den gemäßigten Breiten (Massentierhaltung).

Ein weiterer Aspekt, der den Zusammenhang von Tier- und Humangesundheit eindrucksvoll zeigt, sind parasitäre Erkrankungen, die oft über Zwischenwirte übertragen werden und sowohl für Tiere als auch für Menschen pathogen sind. Hier ist es notwendig, Tiere und Menschen simultan zu behandeln, da sonst eine Spezies als „Erregerreservoir“ immer wieder für neue Erkrankungszyklen sorgt.

Klimawandel und seine gesundheitlichen Folgen

Die Klimaerwärmung hat ebenfalls sehr wichtige Gesundheitsaspekte: Neben den direkten Effekten wie Hitzschlag, Überschwemmungen oder Unwetterschäden gibt es eine ganze Anzahl indirekter Auswirkungen.

Zum einen steigt durch die Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur die Wahrscheinlichkeit, dass Viren Artengrenzen überwinden können, signifikant an. Zum anderen werden die gemäßigten Breiten zunehmend auch mit Krankheiten konfrontiert werden, die heute noch überwiegend in den Tropen auftreten: Dengue, Chikungunya-Fieber oder Zika sind nur einige Beispiele.

Die Vektoren dazu – bei den genannten Erkrankungen sind das Tigermücken – sind in Süddeutschland bereits endemisch. Auch neue invasive und wärmeresistentere Pflanzenarten werden die gemäßigten Breiten besiedeln – mit mehr und anderen Pollen als zusätzliche Belastung für Allergiker. Und selbst die großen nichtübertragbaren Erkrankungen werden durch multiple klimawandelbedingte Effekte aller Voraussicht nach zunehmen.

Biodiversität als medizinische Ressource

Last but not least: die Biodiversität. Aktuell geht man davon aus, dass täglich (!) ungefähr 250 Fauna- und Floraarten aussterben. Jede dieser Spezies könnte ein potenzielles Arzneimittel sein.

Man geht davon aus, dass weit mehr als 50 % aller seit 1980 zugelassenen rund 2.000 Arzneien entweder direkte Naturstoffe sind – das beste Beispiel sind die Antibiotika, bei denen 17 von 21 Klassen echte Naturstoffe sind – oder dass die Natur die entsprechenden Ideen und/oder Baupläne geliefert hat, um Medikamente zu entwickeln.

Fazit: Gesundheit als vernetztes System

Nur diese wenigen Beispiele sollten uns als Menschen der Gattung Homo sapiens bewusst machen, wie komplex Gesundheit betrachtet werden muss – inklusive der Einsicht, dass wir zwar ein Teil der Evolution, aber nicht unbedingt ihre Krönung sind.

Porträt von Jochen Maas

Prof. Dr. Jochen Maas

ist Biologe und Veterinärmediziner. Er studierte an den Universitäten in Zürich, Heidelberg und München