Gesundheit

Abnehmspritzen im Check: Was Mounjaro, Ozempic & Co. wirklich leisten

Abnehmspritzen helfen vielen Menschen beim Gewichtsverlust und verbessern häufig auch wichtige Gesundheitswerte. Der erste Hype ist vorbei, jetzt beginnt die eigentliche Debatte: Wer profitiert besonders? Welche Fehler bremsen den Erfolg? Und wie verändern GLP-1- und GIP/GLP-1-Therapien Lebensmittelbranche, Krankenkassen, Bekleidungsindustrie sowie Prävention?

17.04.2026

DUP UNTERNEHMER-Magazin: Welche neuen Erkenntnisse seit dem Boom der „Abnehmspritzen“ sind besonders relevant?

Prof. Dr. rer. nat. Martin Smollich: Die wichtigste Erkenntnis ist: GLP-1- und GIP/GLP-1-Therapien wie Semaglutid oder Tirzepatid sind deutlich mehr als reine „Abnehmspritzen“. Sie können bei vielen Menschen nicht nur das Gewicht senken, sondern auch Blutzucker, Blutdruck, Entzündungsmarker und das Herz-Kreislauf-Risiko verbessern. Gleichzeitig wird immer klarer: Der Behandlungserfolg ist sehr individuell. Faktoren wie Ausgangsgewicht, Geschlecht, Lebensphase – etwa die Menopause – und die Therapiebegleitung spielen eine große Rolle. Außerdem funktionieren die Medikamente nur, wenn man parallel zur Anwendung eine professionelle Ernährungstherapie nutzt und Krafttraining macht. Ansonsten verliert man viel Muskulatur statt Fett. Professionell umgesetzt kann die Therapie durchaus als Start in eine insgesamt gesündere Lebensweise dienen.
Die aktuelle Studie von Castaneda et al. (2026) zeigt, dass postmenopausale Frauen unter Tirzepatid (Mounjaro) mit begleitender Hormonersatztherapie besonders stark profitieren. Mögliche Erklärungen dafür: Nach der Menopause sinkt der Östrogenspiegel – das begünstigt die Entstehung von Bauchfett und Insulinresistenz. Eine Hormonersatztherapie kann diese Veränderungen teilweise abmildern. Außerdem verstärkt Östrogen die appetithemmenden Sättigungssignale im Gehirn, und die HRT unterstützt den Muskelerhalt (was langfristig den Energieverbrauch verbessert). Außerdem hat die HRT indirekte Effekte: Weniger Hitzewallungen, besserer Schlaf, weniger Erschöpfung – das kann Bewegung, Alltag und Therapietreue verbessern und Heißhungerattacken zusätzlich reduzieren.

Welche Fehler machen viele nach Therapiebeginn – und was empfehlen Sie im Alltag?

Smollich: Der häufigste Fehler ist, die Spritze als alleinige Lösung zu sehen. Sie kann Appetit und Hunger regulieren – aber sie ersetzt keine Struktur im Alltag. Viele essen zu wenig eiweißreiche Lebensmittel, trinken zu wenig, bewegen sich weniger und verlieren dadurch unnötig Muskelmasse. Andere verlassen sich auf schnelle Anfangserfolge und fallen später in alte Muster zurück. Meine wichtigste Empfehlung: früh einfache Routinen etablieren. Dazu gehören eiweißreiche und nährstoffdichte Mahlzeiten, viele kleine Mahlzeichen, ausreichend trinken, regelmäßige Bewegung und idealerweise Krafttraining. Und am besten durch eine professionelle Ernährungstherapie begleiten lassen!

Welche langfristigen Auswirkungen erwarten Sie für Unternehmen und das Gesundheitssystem in Deutschland?

Smollich: Die breite Nutzung der "Abnehmspritzen" wirkt sich nicht nur auf die Bekleidungsindustrie aus (weil neue Kleidung in kleineren Größen erforderlich ist), sondern vor allen Dingen auf die Lebensmittelwirtschaft: Die „Abnehmspritze“ ersetzt keine Ernährung – aber sie verändert Essverhalten. Unternehmen, die sich früh darauf einstellen, werden profitieren. Nutzende der Abnehmspritzen haben weniger Heißhunger und greifen seltener zu ungesunden Snacks. Marktdaten zeigen hier einen deutlichen Rückgang bei Snacks, Süßwaren und Fast Food. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach eiweiß- und nährstoffreichen Lebensmitteln, weil weniger gegessen wird, aber die Nährstoffversorgung trotzdem passen muss. 
Langfristig werden GLP-1-basierte Therapien das Gesundheitssystem deutlich verändern. Aktuell dürfen die Kosten durch die gesetzliche Krankenkasse noch nicht übernommen werden - das wird sich aber ändern. Dann hat man die Diskussion, dass die breite Anwendung der "Abnehmspritzen" sehr teuer werden wird, aber andererseits werden dadurch langfristig die enormen Folgekosten der Adipositas deutlich reduziert. Und möglicherweise entsteht dadurch endlich auch mehr Druck auf die Politik, wirksame Adipositas-Prävention zu betreiben statt Menschen mit Adipositas alleinzulassen und zu stigmatisieren.

Für Leserinnen und Leser, die sich tiefer mit dem Thema „Abnehmspritze“ und der gesundheitlichen Begleitung des Gewichtsverlusts beschäftigen möchten, ist das Buch „Für immer schlank – der Masterplan: Wie Sie mit der Abnehmspritze und richtiger Ernährung in ein dauerhaft schlankes, gesundes Leben starten" von Prof. Dr. Martin Smollich ein besonders informativer und praxisnaher Begleiter. Es bündelt wissenschaftliche Erkenntnisse zu GLP‑1‑ und GIP/GLP‑1‑Therapien mit alltagstauglichen Tipps zur Ernährung, Bewegung und nachhaltigen Gewichtsreduktion.

Prof. Dr. rer. nat. Martin Smollich

Prof. Dr. Martin Smollich lehrt und forscht am Institut für Ernährungsmedizin der Universitätsklinik Schleswig-Holstein. In seinen Büchern und auf seinem Instagram-Account @ernmedblog erklärt er, wie Ernährung die Gesundheit beeinflusst und welche Wechselwirkungen zwischen Lebensmitteln und Medikamenten bestehen. Seine Mission ist es, Ernährungsmythen in den sozialen Medien auf Grundlage der Forschungslage zu korrigieren.