Künstliche Intelligenz, Rüstung oder Energie dominieren derzeit die Schlagzeilen an den Kapitalmärkten. Ein anderer Megatrend entwickelt sich dagegen deutlich leiser – und könnte gerade deshalb für langfristige Investoren interessant sein: Wasser. Bevölkerungswachstum, Urbanisierung, Klimawandel und steigende Anforderungen an die Infrastruktur sorgen weltweit für einen enormen Investitionsbedarf. Welche Chancen daraus für Anlegerinnen und Anleger entstehen, warum Wasser-Aktien zuletzt hinter den großen Börsenindizes zurückblieben und welche Rolle Technologien wie „Smart Water“ künftig spielen werden, erläutert der Experte Simon Frank von von Pictet. Die Kapitalanalagegesellschaft aus der Schweiz hält den Aktienfonds Pictet Water im Programm.
DUP UNTERNEHMER-Magazin: Welche Sparten der Wasserwirtschaft schätzen Sie derzeit als besonders attraktiv ein – Wasseraufbereitung, Infrastruktur, Entsalzung, industrielle Reinigung oder Wasserversorgung?
Simon Frank: Innerhalb der Wasserwertschöpfungskette erscheinen derzeit insbesondere Wasseraufbereitung und industrielle Anwendungen als besonders attraktiv, da sie strukturelles Wachstum mit steigenden regulatorischen Anforderungen verbinden und durch technologischen Mehrwert häufig Preissetzungsmacht aufweisen. Gleichzeitig profitieren Infrastruktur- und Effizienzlösungen – etwa in den Bereichen Netze, Leckage-Reduktion oder digitale Steuerung – von einem hohen Investitionsbedarf und dem klaren wirtschaftlichen Nutzen durch geringere Verluste und optimierten Ressourceneinsatz. Entsalzung bietet angesichts zunehmender Wasserknappheit selektiv Chancen, bleibt jedoch kapitalintensiv und projektabhängig. Demgegenüber liefern klassische Wasserversorger stabile, defensive Erträge, sind aber stärker reguliert und wachstumsschwächer. Insgesamt liegt der Fokus im Investment Case daher klar auf technologiegetriebenen Segmenten mit strukturellem Nachfragewachstum.
Welche globalen Megatrends bringen die Investmentstory im Wassersektor aktuell am stärksten voran?
Frank: Der globale Wasser-Sektor wird durch mehrere eng miteinander verknüpfte globale Megatrends getragen, allen voran die zunehmende Ressourcenknappheit. Die steigende Wassernachfrage aufgrund von Bevölkerungswachstum und wirtschaftlichem Wachstum trifft auf begrenzte und qualitativ zunehmend beeinträchtigte Wasserressourcen, wodurch Wasserknappheit zu einem strukturellen Treiber für Investitionen in Effizienz und Aufbereitung wird. Gleichzeitig verschärfen Klimawandel und häufigere Extremwetterereignisse die Verfügbarkeit und Verteilung von Wasser und erhöhen den Handlungsdruck für Infrastruktur und technologische Lösungen. Hinzu kommt die fortschreitende Urbanisierung, die den Bedarf an leistungsfähiger Wasserinfrastruktur und -versorgung weiter steigert, während die industrielle Nachfrage und Landwirtschaft zusätzliche Effizienzgewinne erfordern. Parallel treiben strengere regulatorische Anforderungen und Nachhaltigkeitsziele Investitionen in Wasserqualität, Kreislaufwirtschaft und Ressourcenschonung voran. Insgesamt führen diese Trends zu einem strukturellen, langfristigen Wachstumspfad für Unternehmen, die Lösungen rund um Wasserbereitstellung, -aufbereitung und -effizienz anbieten.
Bitte nennen Sie die drei Unternehmen, deren Aktien derzeit die größten Positionen im Fonds Pictet Water bilden, und einige Punkte, warum sich das Fondsmanagement gerade für diese Titel entschieden hat.
Frank: Zu den größten Positionen im Pictet‑Water‑Fonds zählen typischerweise führende Unternehmen entlang der gesamten Wasser-Wertschöpfungskette wie Versorger und Anbieter von Wassertechnologie. Dazu gehören beispielsweise globale Marktführer in der Wasserinfrastruktur und -aufbereitung, die von stabilen, häufig regulierten Geschäftsmodellen sowie strukturellem Nachfragewachstum profitieren, beispielsweise American Water Works oder Veolia. Das Fondsmanagement setzt bewusst auf Unternehmen mit starker Marktstellung, hoher Preissetzungsmacht und Innovationskraft, etwa im Bereich effizienter Wasseraufbereitung oder intelligenter Netze, zum Beispiel Xylem. Entscheidend für die Auswahl sind zudem langfristige Wachstumstreiber wie zunehmender Investitionsbedarf in Infrastruktur, strengere Umweltauflagen und technologische Fortschritte. Diese Kombination ermöglicht es, defensive Cashflows mit strukturellem Wachstum zu verbinden und damit ein attraktives Risiko‑Rendite‑Profil über den Zyklus hinweg zu erzielen.
Welche Regionen oder Märkte bieten derzeit das größte Wachstumspotenzial für Wasserunternehmen?
Frank: Wir beobachten grundsätzlich, dass die enormen Wasser-Herausforderungen unserer Zeit von globaler Natur sind. Das größte Wachstumspotenzial für Wasserunternehmen liegt aktuell vor allem in Asien und im Nahen Osten, da beide Regionen von starkem Bevölkerungswachstum, zunehmender Urbanisierung und steigender Wasserknappheit geprägt sind. In Asien treibt insbesondere die Kombination aus Industrialisierung und wachsender Mittelschicht den Bedarf an moderner Wasserinfrastruktur und Aufbereitungslösungen deutlich an. Im Nahen Osten entsteht zusätzlich ein strukturell hoher Investitionsbedarf durch extreme Wasserknappheit, der vor allem in Technologien wie Entsalzung und Wiederverwendung mündet. In Nordamerika und Europa hingegen dominieren eher reifere Märkte, die stärker durch Ersatzinvestitionen, Effizienzsteigerungen und steigende regulatorische Anforderungen geprägt sind, was stabilere, aber moderatere Wachstumsraten zur Folge hat. Insgesamt verschiebt sich das Wachstum somit zunehmend hin zu Regionen, in denen die Versorgungslücke am größten ist und Investitionen entsprechend priorisiert werden. Gleichzeitig gibt es zahlreiche, global aufgestellte Unternehmen, die vor allem in den USA oder in Europa börsennotiert sind, die von diesem Wachstumspotenzial direkt partizipieren und ihren Investoren attraktive Anlagechancen bieten.
Wie hat sich der Wassersektor in den vergangenen Jahren im Vergleich zu Benchmarks wie dem MSCI World oder dem S&P 500 entwickelt?
Frank: Aktien von Unternehmen aus dem Wasser-Sektor haben sich in den letzten Jahren absolut positiv entwickelt, allerdings den breiten globalen, sowie den Technologie-lastigen US-Aktienmarkt deutlich underperformt. Dies ist zum einen insbesondere auf den Fokus der Anleger auf Künstliche Intelligenz und technologische Disruption und zum anderen auf die enorme Outperformance weniger Indexschwergewichte – die „Terrific 20“ – zurückzuführen, während Wasser-Aktien meist ungeachtet ihrer positiven Fundamentaldaten keine Beachtung geschenkt wurde. Wir gehen davon aus, dass Investoren – wie in der Vergangenheit auch – die attraktiven Charakteristika und positiven fundamentalen Entwicklungen von Wasser-Aktien früher oder später wiederentdecken und mit steigenden Kursen honorieren werden.
Welche Faktoren beeinflussen die Bewertung von Wasserunternehmen am stärksten – Regulierung, Infrastrukturinvestitionen, Energiepreise oder technologische Innovationen?
Frank: Die Bewertung von Wasserunternehmen wird von mehreren Faktoren bestimmt, wobei insbesondere Regulierung, Infrastrukturinvestitionen und technologische Innovationen eine zentrale Rolle spielen. In vielen Segmenten wirkt ein zunehmend strenges regulatorisches Umfeld als der entscheidende Treiber, da es sowohl die Nachfrage nach Lösungen zur Wasseraufbereitung erhöht als auch die Ertragsprofile, etwa über Tarifstrukturen, direkt beeinflusst. Parallel dazu stützt der hohe und langfristig steigende Investitionsbedarf in Wasserinfrastruktur das strukturelle Wachstum, da Erneuerung, Ausbau und Effizienzsteigerungen in Netzen und Anlagen weltweit erhebliches Kapital erfordern. Technologische Innovation ist vor allem für die Bewertung einzelner Unternehmen ausschlaggebend, da differenzierte Lösungen in Bereichen wie Aufbereitung oder Effizienzsteigerung Wettbewerbsvorteile, höhere Margen und Bewertungsprämien ermöglichen. Energiepreise spielen ebenfalls eine Rolle, da Wasseraufbereitung und -transport teils energieintensiv sind, wirken jedoch primär über die Kostenbasis und damit eher kurzfristig auf die Profitabilität. Insgesamt dominieren damit strukturelle Faktoren die Bewertung, während zyklische Kostentreiber eine untergeordnete Rolle einnehmen.
Wie attraktiv sind Wasser-Aktien im Hinblick auf Dividendenqualität und defensive Eigenschaften in volatilen Marktphasen? Und welchen Anteil sollten solche Titel im Depot von Durchschnittsanlegenden einnehmen?
Frank: Wasseraktien, insbesondere Versorger und Abfallmanagement-Firmen, gelten grundsätzlich als vergleichsweise defensiv und zeichnen sich häufig durch stabile Geschäftsmodelle mit hohen, wiederkehrenden Umsätzen aus, was ihnen gerade in volatilen Marktphasen eine gewisse Resilienz verleiht. Insbesondere Versorger profitieren von regulierten Erträgen und planbaren Cashflows, während Unternehmen aus der Wasseraufbereitung zusätzlich von strukturellem Wachstum und einem zunehmend strengeren regulatorischen Umfeld unterstützt werden. Entsprechend bieten viele Titel eine solide Dividendenqualität mit verlässlichen Ausschüttungen, auch wenn das Wachstum oft moderater ausfällt als in anderen Sektoren. Steigende Energie- und Betriebskosten können kurzfristig zu Margendruck führen, verändern aber in der Regel nicht den defensiven Charakter. Wasseraktien können daher als eher defensives Satelliten-Thema in vielen Portfolien eine sinnvolle Beimischung darstellen, um Stabilität, Diversifikation, laufende Erträge und stetiges, strukturelles Wachstum zu kombinieren.
Was bedeuten technologischen Entwicklungen wie Smart Water und wie könnten sie die Branche in den nächsten Jahren besonders verändern?
Frank: Technologische Entwicklungen wie „Smart Water“ stehen für den Einsatz digitaler Lösungen entlang der gesamten Wasser-Wertschöpfungskette, etwa durch Sensorik, Datenanalyse und automatisierte Steuerungssysteme. Ziel ist es, Netzwerke effizienter zu betreiben, Leckagen frühzeitig zu erkennen und Wasserverluste zu reduzieren. In den kommenden Jahren dürfte die zunehmende Vernetzung physischer Infrastruktur mit digitalen Plattformen die Branche nachhaltig verändern, indem der Ressourcenverbrauch und Energieeinsatz optimiert und gleichzeitig die Betriebskosten gesenkt werden. Für Unternehmen entstehen daraus erhebliche Effizienzgewinne und neue Geschäftsmodelle, etwa durch datenbasierte Dienstleistungen oder intelligente Wartungssysteme. Gleichzeitig wächst die Bedeutung technologiegetriebener Anbieter, die bestehende Systeme modernisieren und integrieren können. Insgesamt wird „Smart Water“ damit zu einem zentralen Hebel, um die steigenden Anforderungen an Effizienz, Nachhaltigkeit und Versorgungssicherheit im globalen Wassersektor zu adressieren.


