Nachfolge

Unternehmensnachfolge: Warum der Mittelstand kaum noch Erben findet

Immer mehr Unternehmerinnen und Unternehmer in Deutschland erreichen das Rentenalter, doch geeignete Nachfolgerinnen und Nachfolger sind Mangelware. Die Folgen reichen weit über einzelne Betriebe hinaus: Investitionen bleiben aus, Wertschöpfung geht verloren, und Wirtschaftswachstum wird gebremst. KfW-Chefvolkswirt Dirk Schumacher erklärt, warum Unternehmensnachfolge längst zu einer entscheidenden Zukunftsfrage für den Wirtschaftsstandort Deutschland geworden ist.

Ein Mann in einer Produktionshalle, als Symbol für das Thema Unternehmensnachfolge

17.08.2026

DUP UNTERNEHMER-Magazin: Die eigentliche He­rausforderung für den Mittelstand scheint heute nicht mehr die Finanzierung einer Unternehmensübernahme zu sein, sondern überhaupt jemand ­Passenden zu finden, der übernehmen möchte. Hat Deutschland das Ausmaß dieses Problems unterschätzt?

Dirk Schumacher: Wir sehen in unseren Daten noch nicht, dass mehr Unternehmen eine Stilllegung planen als eine Nachfolge. Aber wir kommen dieser Entwicklung näher. 21 Prozent der Unternehmen planen bereits konkret die Stilllegung, weitere vier Prozent sehen sie als ernsthafte Option. Demgegenüber stehen 32 Prozent, die eine Nachfolge anstreben. Diese Entscheidung – Weiterführung oder Schließung – ist von enormer Bedeutung. Denn sie entscheidet darüber, ob Unternehmen investieren, wachsen und Arbeitsplätze sichern oder ob Wertschöpfung dauerhaft verloren geht.

Welche Folgen hätte diese Entwicklung für die deutsche Wirtschaft?

Schumacher: Erhebliche. Deutschland zählt rund 3,9 Millionen mittelständische Unternehmen. Nach unseren Berechnungen könnten bis 2029 jährlich rund 114.000 Betriebe schließen. Das bedeutet nicht nur weniger Unternehmen, sondern auch weniger Produktion und damit geringere wirtschaftliche Leistung. Hinzu kommt ein zweiter Effekt: Unternehmen, deren Zukunft ungeklärt ist, investieren bereits Jahre vor einer möglichen Schließung deutlich weniger.

Warum?

Schumacher: Unsicherheit bremst Investitionen. Wer nicht weiß, ob das Unternehmen weitergeführt werden kann, hält sich zurück. Im Durchschnitt investiert ein mittelständisches Unternehmen rund 8.400 Euro pro Beschäftigten. Bei Unternehmen mit konkreten Stilllegungsplänen sinkt dieser Wert auf knapp 6.000 Euro. Umgekehrt beobachten wir: Ist die Nachfolge geregelt, steigen die Investitionen deutlich an.

Die Nachfolgekrise beginnt also lange vor der eigentlichen Übergabe?

Schumacher: Genau. Deshalb ist sie nicht nur ein Thema einzelner Unternehmerfamilien, sondern eine volkswirtschaftliche Herausforderung.

Warum gibt es immer weniger Nachfolger?

Schumacher: Der wichtigste Grund ist die Demografie. Die jüngeren Jahrgänge sind kleiner, entsprechend sinkt auch die Zahl potenzieller Unternehmerinnen und Unternehmer. Gleichzeitig beobachten wir langfristig, dass sich weniger Menschen selbstständig machen möchten. Zwar hat sich dieser Trend zuletzt leicht verbessert, grundsätzlich bleibt die Entwicklung aber problematisch.

Liegt das vielleicht auch am Image des Unternehmertums?

Schumacher: Das könnte durchaus eine Rolle spielen. Unternehmertum wird aus meiner Sicht nicht immer so positiv wahrgenommen, wie es seiner Bedeutung für unseren Wohlstand entspricht. Wer gründet oder ein Unternehmen übernimmt, schafft Arbeitsplätze, investiert und trägt Verantwortung. Diese Leistung könnte gesellschaftlich stärker gewürdigt werden.

Viele junge Menschen träumen vom eigenen Start-up. Die Übernahme eines bestehenden Betriebs wirkt dagegen oft wenig attraktiv, oder?

Schumacher: Das kann ich nachvollziehen. Ein Start-up bedeutet zunächst maximale Gestaltungsfreiheit, man beginnt oft auf einem weißen Blatt Papier. Wer ein bestehendes Unternehmen übernimmt, erbt dagegen gewachsene Strukturen. Gleichzeitig wird häufig unterschätzt, wie groß der Gestaltungsspielraum dort ebenfalls ist. Es gibt in Deutschland eine enorme Zahl hervorragend aufgestellter Unternehmen, die eine Zukunft haben – und die auf jemanden warten, der sie weiterentwickelt.

Wie lässt sich diese Lücke schließen?

Schumacher: Indem wir Angebot und Nachfrage besser zusammenbringen. Es gibt bereits Plattformen der KfW und anderer Institutionen. Auch Industrie- und Handelskammern spielen eine wichtige Rolle, weil sie regional hervorragend vernetzt sind. Dieses Zusammenspiel ließe sich weiter ausbauen. Viele potenzielle Nachfolger wissen schlicht nicht, welche interessanten Unternehmen auf sie warten.

Welche Verantwortung trägt die Politik bei der Lösung der Nachfolgeproblematik?

Schumacher: Sie sollte das Thema noch ernster nehmen. Demografische Entwicklungen verändern eine Volkswirtschaft schleichend, gerade deshalb werden ihre Folgen häufig unterschätzt. Betrachtet man mehrere Jahre im Zusammenhang, erkennt man jedoch, welche Tragweite diese Entwicklung hat.

Warum ist Bürokratie ein entscheidendes Hindernis bei der Unternehmensnachfolge?

Schumacher: Vor allem kleinere Unternehmen empfinden den bürokratischen Aufwand rund um eine Übergabe als erhebliche Belastung. Das reicht von Berichtspflichten über Meldeverfahren bis hin zu zahlreichen formalen Anforderungen. Manche Unternehmer sagen ganz offen: Unter diesen Bedingungen lohnt sich der Aufwand einer Übergabe kaum noch. Helfen würde: Berichtspflichten reduzieren, Informationen nicht mehrfach bei verschiedenen Behörden abfragen und Verfahren bündeln. Der One-Stop-Shop-Gedanke, also möglichst viele Schritte an einer zentralen Stelle abzuwickeln, wäre auch bei Unternehmensnachfolgen ein großer Fortschritt.

Viele Interessenten fragen sich, ob traditionelle Geschäftsmodelle angesichts von Künstlicher Intelligenz noch zukunftsfähig sind. Was sagen Sie?

Schumacher: Das hängt sehr stark von der jeweiligen Branche ab. KI wird manche Geschäftsmodelle stärker verändern als andere. Entscheidend ist die Frage, ob sie Menschen ersetzt oder ihre Produktivität erhöht. Historisch haben neue Technologien häufig vor allem Produktivität geschaffen. Deshalb würde ich mich wegen dieser Unsicherheit nicht davon abhalten lassen, ein Unternehmen zu übernehmen.

Bleibt Deutschland auch in Zukunft das Land der ­Familienunternehmen?

Schumacher: Davon gehe ich aus. Aber wir müssen damit rechnen, dass die Zahl der Familienunternehmen in den kommenden Jahrzehnten sinken wird. Die Demografie lässt sich nicht wegdiskutieren.

Was macht Ihnen trotz dieser Aussichten Hoffnung?

Schumacher: Dass es in Deutschland eine außergewöhnlich große Zahl erfolgreicher mittelständischer Unternehmen gibt. Wer Unternehmerin oder Unternehmer werden möchte, sollte nicht nur an die eigene Gründung denken, sondern schauen, was schon existiert.

Dr. Dirk Schumacher

ist seit April 2025 Chefvolkswirt der KfW und leitet dort KfW Research. Zuvor war der promovierte Volkswirt unter anderem in leitenden Funktionen bei Goldman Sachs, der Europäischen Zentralbank und der Natixis tätig. Seine Schwerpunkte sind Konjunktur, Mittelstand, Investitionen und die langfristige Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland