Strategie

Tiktok fürs Business: Nur 60 Sekunden bis zum Lead

Wie erklärt man den Kauf eines Unternehmens in 90 Sekunden? Professor Holger Wassermann versucht genau das auf der Social-Media-Plattform Tiktok – und trifft damit einen Nerv. Seine Erfahrungen zeigen, warum Authentizität auf Tiktok oft wirkungsvoller ist als jede aufwendig produzierte Imagekampagne. Und wie er fast 100 Prozent seiner Leads auf der Plattform erzielt, die vermeintlich nur die Gen Z anzieht.

Eine Frau, die gerade ein TikTok Video für Unternehmen aufnimmt

18.08.2026

Dass ausgerechnet Unternehmensnachfolge auf Tiktok funktioniert, wirkt zunächst wie ein Widerspruch. Hier die wohl folgenreichste Entscheidung im Unternehmerleben, dort eine Plattform, die viele Menschen noch immer mit Tanzvideos und kurzen Unterhaltungsschnipseln verbinden. Holger Wassermann hält diese Sicht für überholt. Seine Erfahrung zeigt: „Wer dort komplexe Themen verständlich erzählt, erreicht längst nicht mehr nur Jugendliche, sondern genau jene Zielgruppen, die sich ernsthaft mit Unternehmertum beschäftigen.“

Für Wassermann beginnt das Problem allerdings viel früher als bei der Wahl des Kanals. Das Thema Unternehmensnachfolge habe über Jahre ein kommunikatives Imageproblem entwickelt. Während Start-ups gesellschaftlich als mutig und modern gelten, werde laut Wassermann die Übernahme eines bestehenden Betriebs häufig als wenig attraktiv wahrgenommen. Einen Teil der Verantwortung sieht er bei vielen Unternehmern selbst: „Wer über Jahrzehnte vor allem von 80-Stunden-Wochen, schwierigen Mitarbeitenden und bürokratischen Hürden erzählt, darf sich kaum wundern, wenn die nächste Generation andere Karrierewege bevorzugt.“

Aus Denkanstößen werden Beratungsanfragen

Tiktok soll diese Lebensentscheidung nicht ersetzen, die Plattform dient vielmehr als Einstieg. 60 oder 90 Sekunden reichen nach Wassermanns Überzeugung, um Aufmerksamkeit für bestimmte Themen zu erzeugen – nicht aber, um eine Unternehmensübernahme zu entscheiden. Aus kurzen Denkanstößen entwickeln sich jedoch oftmals intensivere Gespräche, da­raus wiederum Beratungsanfragen. „Fast alle meine neuen Leads kommen inzwischen über Tiktok“, sagt Wassermann. Warum? „Anders als klassische Netzwerke spielt die Plattform Inhalte nicht primär innerhalb bestehender Kontakte aus, sondern orientiert sich vielmehr am Interesse der Nutzenden. Dadurch erreiche ich Menschen, die mich zuvor gar nicht kannten.“

Bemerkenswert ist dabei, welche Inhalte funktionieren. Nämlich keine allgemeinen Managementweisheiten, sondern konkrete und nachvollziehbare Fälle. Sprich: eine Glaserei, ein Handwerksbetrieb, ein realer Unternehmensverkauf. Wassermann greift dafür häufig tatsächliche Verkaufsanzeigen aus einer Facebook-Gruppe auf und kommentiert sie spontan live vor der Kamera. Gerade diese Nähe zur Praxis schafft Glaubwürdigkeit. Gleichzeitig nutzt er seine mittlerweile durchaus stattliche Tiktok-Reichweite, um mit verbreiteten Irrtümern aufzuräumen – etwa über un­realistische Kaufpreisvorstellungen vieler Verkäufer. Manchmal, sagt er, reiche bereits ein kurzes Video, um das Scheitern einer Nachfolge zu verhindern.

Unternehmertum glaubwürdig erzählen

Auch die oft beschworene Schnelllebigkeit sozialer Medien bewertet er positiv. Die Kürze zwinge ihn dazu, Probleme klar zu benennen. Statt diplomatischer Beratersprache entstehe in den Kommentarspalten ein erster Impuls, der Menschen zum Nachdenken bringe. Gerade bei der Unternehmensnachfolge, bei der Psychologie oft wichtiger sei als Zahlen, könne diese Direktheit überraschend wirksam sein. Besonders spannend findet Wassermann den Blick auf die Generation der potenziellen Nachfolger. Viele junge Menschen seien sicherheitsorientierter geworden.

Gleichzeitig bestehe gerade jetzt eine historische Chance. „Hunderttausende Unternehmen suchen bekanntlich einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin. Wer Unternehmertum gestalten will, muss nicht bei null anfangen“, sagt Wassermann. Im Unterschied zur Gründung biete eine Übernahme Mitarbeitende, Kunden und funktionierende Strukturen vom ersten Tag an – und damit erheblich mehr Gestaltungskraft. Und diese Argumente verstehen auch die Tiktok-User.

Seine vielleicht wichtigste Botschaft richtet sich deshalb nicht an die Plattform, sondern an Unternehmer selbst. „Authentische Kommunikation braucht heute weder ein großes Budget noch eine perfekte Studiotechnik. Entscheidend ist, Wissen verständlich weiterzugeben, statt ständig verkaufen zu wollen“, sagt Wassermann. Die Menschen würden schließlich sehr schnell merken, ob jemand informieren oder lediglich werben wolle. Am Ende geht es deshalb weniger um die Social-Media-Plattform Tiktok als um eine Erkenntnis, die weit über soziale Medien hinausreicht: Wer Unternehmertum glaubwürdig erzählt, findet überall sein Publikum.

Professor Holger Wassermann

lehrt Betriebswirtschaftslehre an der FOM Hochschule in Berlin, mit Fokus auf Controlling und Rechnungswesen. Er ist wissenschaftlicher Leiter des KompetenzCentrums (KCE) für Entrepreneurship & Mittelstand, Mitgründer der M&A-Beratung Intagus und Herausgeber des „Nachfolgemonitors“. Sein Schwerpunkt liegt auf Mittelstand, Unternehmensbewertung, Unternehmensverkauf und Nachfolge