Der Aktienindex S&P Global Luxury Net Total Return, der die Entwicklung der wichtigsten Luxusaktien wie Compagnie Financière Richemont, Ferrari oder LVMH und Hermès widerspiegelt, wies zuletzt auf Jahressicht ein Minus von acht Prozent auf. Was sind die Ursachen für den Abschwung der lange erfolgreichen Titel? Der Ausverkauf sei eine Kombination aus struktureller Verschiebung – Chinas Nachfrageschwäche, gestiegene Preissensibilität, Innovationsmangel – und zyklischer Komponente, also Konjunkturabkühlung, geopolitische Belastung durch den Iran-Krieg und höhere Energiepreise, urteilt Andreas Fruschki, Chief Investment Officer Thematic Equity beim Vermögensverwalter Allianz Global Investors.
Doch das Segment komplett abzuschreiben, könnte sich als Fehler erweisen. So setzten beispielsweise die Analysten des Hamburger Bankhauses Berenberg unlängst die Titel von Ferrari oder des italienischen Modeanbieters Brunello Cucinelli auf „Buy“. Die Experten des Schweizer Anlagehauses GAM Investments meinen: „Die unterschiedlichen Entwicklungen in den einzelnen Kategorien bleiben ein zentrales Merkmal des Luxusgütermarktes. Während Hard Luxury und Schmuck vergleichsweise gut unterstützt sind, steht die Nachfrage gelegentlicher Luxuskäufer weiterhin am stärksten unter Druck.“
„Zyklische Verschlechterung aufgrund schwacher Wirtschaft“
Viele Titel aus dem Bereich der Hersteller hochpreisiger Güter hängen durch. Fondsmanager Andreas Fruschki von Allianz Global Investors nennt Gründe für die Entwicklung.
BIG BANG UNTERNEHMER: Wie schätzen Sie die Korrektur im Luxussegment in der jüngsten Vergangenheit ein, etwa die starken Kursverluste bei LVMH, Kering oder Hermès seit Jahresbeginn. Ist das eine zyklische Überreaktion oder ein strukturelles Problem?
Andreas Fruschki: Während und kurz nach der Covid-Pandemie haben viele Unternehmen der Branche die Preise für ihre Produkte deutlich angehoben. Da sich die Wirtschaft nach den Lockdowns schnell erholte – mit solidem Wirtschaftswachstum, einer Rally an den Aktienmärkten und Preissteigerungen im Immobiliensektor –, waren viele Menschen bereit, höhere Preise zu zahlen und mehr Produkte zu kaufen. Als die Zinsen infolge der höheren Inflation anstiegen und sich die Wirtschaft abzukühlen begann, konnten die Unternehmen die Preise nicht weiter erhöhen. Die Konsumenten wurden bewusster und preissensibler, was sich stark auf das Umsatz- und Gewinnwachstum auswirkte. Während vermögende Privatkunden weiterhin ausgaben, bremste die Mittelschicht, und die Wachstumsraten gaben deutlich nach. Insbesondere in China war dies zu beobachten.
Inwiefern geht diese Entwicklung auf die Kaufzurückhaltung chinesischer Konsumenten zurück?
Fruschki: China war historisch ein sehr wichtiger Wachstumstreiber für den Luxussektor und ist für viele Luxusunternehmen der größte Markt. Da sich die Konsumstimmung in den vergangenen Jahren eingetrübt hat – mit sich verlangsamenden BIP-Wachstumsraten, was für eine so große Volkswirtschaft normal ist –, mussten die Luxusunternehmen neue Wachstumsregionen erschließen. Dazu zählen beispielsweise Japan, wo der Yen stark abgewertet hat, Südkorea mit dem Aufstieg der KI und seiner Bedeutung im Aufbau der Lieferkette für KI-Rechenzentren, der Nahe Osten sowie die USA.
Insbesondere der US-Markt war in der jüngeren Vergangenheit ausgesprochen stark und hat einen erheblichen Teil der Schwäche aus China kompensiert. Zusammenfassend lässt sich die aktuelle Entwicklung also nur teilweise auf die Kaufzurückhaltung chinesischer Konsumenten zurückführen. China bleibt zwar der mit Abstand wichtigste Einzelmarkt und seine Abkühlung ein spürbarer Bremsfaktor, doch die Branche hat die Schwäche durch eine bewusste geografische Diversifizierung teilweise ausgeglichen.
Bestehen Unterschiede nach Segmenten – also etwa Schmuck oder Lederwaren und Mode?
Fruschki: Schmuck hat sich in der jüngsten Vergangenheit deutlich besser entwickelt als Mode und Lederwaren, was auf den wahrgenommenen Wertzuwachs bei Edelmetallen zurückzuführen ist. Menschen haben das Gefühl, dass ein Goldring für 2.000 Euro einen höheren, bleibenden Wert hat als beispielsweise eine Ledertasche für 2.000 Euro. Einige Hersteller von High-End-Schmuck haben in den vergangenen Quartalen positiv überrascht, während der Modebereich unter Druck stand und wir überwiegend negative Überraschungen und schwaches Wachstum gesehen haben.
Gerade im Lederwarensegment sind die Preise in den letzten Jahren besonders stark gestiegen – bei einigen Marken um 50 bis 60 Prozent seit 2019, mit weiteren Erhöhungen von teils 10 bis 20 Prozent allein in den letzten ein bis zwei Jahren. Das verstärkt den beschriebenen Effekt: Während bei Schmuck der Materialwert (Gold, Diamanten) die höheren Preise für die Konsumenten nachvollziehbar macht, fehlt bei Lederwaren dieser objektive Anker – der Preis einer Handtasche beruht primär auf Marke, Handwerk und Exklusivität. Steigen die Preise dort schneller als die wahrgenommene Qualitätsverbesserung, wächst das Gefühl, nicht mehr adäquaten Gegenwert zu erhalten, was die Kategorie besonders anfällig für die beschriebene Kaufzurückhaltung macht.
Verlieren die Anbieter im Luxussektor ihre frühere Preissetzungsmacht?
Fruschki: Aus unserer Sicht trifft dies auf einige, aber nicht alle Anbieter zu. Schmuckunternehmen beispielsweise erhöhen weiterhin die Preise, um die höheren Goldkosten auszugleichen, und die Konsumenten kaufen weiter – wie bereits erwähnt sehen wir bei einigen High-End-Schmuckmarken ein sehr starkes organisches Wachstum. In Mode und klassischen Lederwaren ist die Preissetzungsmacht wiederum spürbar geschwächt, da sie diese in den vergangenen Jahren bereits sehr stark erhöht hatten. Der Puffer ist damit weitgehend ausgereizt: Weitere Erhöhungen werden nicht mehr automatisch mitgetragen, und einige Marken mussten Preise bereits wieder senken oder Einstiegssortimente einführen, um Kunden zurückzugewinnen. Die Branche verliert nicht per se ihre Preissetzungsmacht. Vielmehr funktioniert das Modell „Preis rauf, Nachfrage bleibt“ nicht mehr automatisch für alle. Wir sind der Überzeugung: Wenn die Unternehmen weiterhin Innovationen und den Konsumenten einen überzeugenden Gegenwert sowie qualitativ hochwertige Produkte bieten, werden die Menschen bereit sein, Premiumpreise zu zahlen – sofern sie das Gefühl haben, Exklusivität und eine bessere Qualität im Vergleich zu günstigeren Alternativen zu erhalten.
Welche der börsennotierten Unternehmen könnten als erste zu einstiger Stärke zurückkehren?
Fruschki: Bitte sehen Sie es uns nach, dass wir keine Einzeltitelprognosen abgeben können. Prinzipiell sind aber sämtliche der aufgezählten Branchenprobleme lösbar, insbesondere die hausgemachten.
Setzt der Multithemenfonds Allianz Thematica auf Luxus-Werte?
Fruschki: Wir haben seit vielen Jahren keine Luxuswerte im Allianz Thematica, da wir dieses Thema frühzeitig eher skeptisch eingeschätzt haben, als sich die Konsumzurückhaltung – insbesondere in China – begann abzuzeichnen. Diese Einschätzung wird allerdings ständig hinterfragt, so dass das Thema Luxus theoretisch in der Zukunft mit in den Kanon der uns unserer Sicht besten Themen aufgenommen werden könnte. Aktuell ist dies aber noch nicht der Fall.


