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Liquidität im Mittelstand: Neue Wege der Finanzierung für Unternehmen

Viele Unternehmer erleben derzeit eine eigentümliche Situation: Das Geschäft läuft, Aufträge sind vorhanden, doch der Zugang zu Kapital wird schwieriger. Bankgespräche ziehen sich, Entscheidungen dauern oder kommen gar nicht zustande. In diesem Spannungsfeld gewinnt eine Finanzierungsform an Bedeutung, die lange als Speziallösung galt und nun im deutschen Mittelstand ankommt: Revenue-Based Financing.

Eine gebende linke Hand mit 15 Goldmünzen zwischen Daumen und Zeigefinger auf der linken Seite des Bildes und eine nehmende offene Hand auf der rechten Seite des Bildes, als Symbolbild für das Thema Liquidität im Mittelstand

10.04.2026

Das Prinzip ist schnell umrissen, seine Wirkung jedoch weitreichend: Unternehmen erhalten kurzfristig Kapital und zahlen es nicht in festen monatlichen Raten zurück, sondern anteilig aus ihrem laufenden Umsatz. Leonard Strigel, General Manager Europe mit Fokus auf den deutschen Markt bei You Lend, einem Anbieter für Revenue-­Based Financing, sagt: „Man sollte das einfach als zusätzliche Option sehen.“ Sein Fintech versuche überhaupt nicht, die klassische Hausbank zu ersetzen. Es gehe vielmehr darum, „kleinen und mittleren Unternehmen noch einen weiteren Finanzierungsweg zur Verfügung zu stellen, der in bestimmten Situationen schneller Geld verfügbar macht“.

Geschwindigkeit als Wettbewerbsfaktor

Geschwindigkeit ist dabei ein zentrales Argument. „Wenn jemand schnell eine Finanzierung braucht, vielleicht schon am nächsten Tag, dann ist normalerweise so ein Revenue-Based-Financing-Weg über ein FinTech die bessere Option“, sagt Strigel. Traditio­nelle Banken seien häufig langsamer, weil Prüfungen umfangreicher und Prozesse weniger flexibel seien.

Dieser Unterschied habe strukturelle Gründe. Gerade bei kleineren Finanzierungsbeträgen lohnen sich für Banken die aufwendigen Prozesse oft nicht. Digitale Anbieter setzen dagegen auf Technologie und Spezialisierung. Grundlage der Entscheidung ist vor allem der Umsatz – allerdings nicht als einzelne Kennzahl. „Wenn wir uns den Umsatz anschauen, dann nicht nur: Wie viel Umsatz hat jemand im letzten Monat gemacht?“, erklärt Strigel. Aus täglichen Umsatzdaten ließen sich jedoch Trends, Saisonalitäten und Regelmäßigkeiten ableiten. „In der Kreditanalyse kann man dann Features aus Umsatzdaten bauen“, sagt er. Zusammen mit den klassischen Kontoauszügen entstehe so „ein ziemlich gutes Bild von der Gesundheit eines kleinen Unternehmens“.

Ein Kredit, der mitläuft

Für Unternehmerinnen und Unternehmer liegt der Vorteil von Revenue-Based Financing in erster Linie in der Flexibilität. Die Rückzahlung passt sich der wirtschaftlichen Realität an. „Der Kredit atmet mit dem Unternehmen“, formuliert es Strigel. Wer gute Monate habe, zahle mehr zurück, in schwächeren Phasen weniger. Gerade für kleinere Betriebe oder Selbstständige mit schwankenden Einnahmen sei das ein klarer Vorteil. „Man hat dann nicht diesen Cashflow-Druck, den man hat, wenn man jede Woche oder ­jeden Monat exakt die gleiche Rate zahlen muss“, so Strigel.

In der Praxis wird Revenue-Based Financing hauptsächlich für kurzfristige Wachstumssituationen genutzt. Strigel beschreibt einen klassischen Fall: „Ich sehe als Onlinehändler zum Beispiel, dass ich jetzt einen Container bestellen kann, den ich aber schnell vorfinanzieren muss. Ich bin mir sehr sicher, dass ich ihn über meine Vertriebswege in den nächsten zwei, drei Wochen verkaufen kann. Ich brauche aber jetzt das Geld.“ Genau dafür eigne sich das Modell. Auch bei kurzfristigen Engpässen, etwa durch Steuernachzahlungen, funktioniere Revenue-Based Financing gut. „Wenn man zu einer traditionellen Bank geht und sagt: Ich brauche einen Kredit, um meine Steuern zu zahlen, sieht das dagegen meistens sehr schlecht aus“, erläutert Strigel.

Klare Grenzen zieht er jedoch ebenfalls. Für langfristige Investitionen sei Revenue-Based Financing nicht gedacht. „Diese Voraussagen kann man gut für ein halbes Jahr, für ein Jahr, vielleicht auch für anderthalb Jahre treffen“, sagt er. Für Zeiträume von zehn oder zwanzig Jahren – etwa bei Immobilien oder großen Maschinen – sei der klassische Bankkredit dagegen die wesentlich bessere Lösung.

Weniger Druck auf den Kunden

Das Risiko liegt bei dieser Finanzierungsmethode nicht allein beim Unternehmer. Auch der Kreditgeber akzeptiert, dass Rückzahlungen länger dauern können als geplant. „Wir möchten den Kunden keinen Druck machen“, betont Strigel. Wenn erwartet würde, dass der Kunde erst in einem Jahr zurückzahlt, sei es laut Strigel auch in Ordnung, wenn er erst nach eineinhalb Jahren zurückzahlt. Entscheidend sei, dass regelmäßig Zahlungen erfolgten und das Unternehmen handlungsfähig bleibe.

Im deutschen Mittelstand stößt diese Logik dennoch häufig auf Zurückhaltung. Finanzierung werde hierzulande oft erst dann gesucht, „wenn Unternehmen in absoluter Not sind“. Dabei beobachtet Strigel etwas anderes: „Sehr erfolgreiche Mittelständler schauen sich nach Finanzierung um, wenn es gerade sehr gut läuft“, um weiter zu investieren und Puffer aufzubauen.

In Deutschland sei man im internationalen Vergleich eher „fast etwas zu verantwortungsvoll“. Sein Rat an inhabergeführte Unternehmen fällt entsprechend pragmatisch aus. Man müsse keine eigene Finanzabteilung haben, um vorausschauend zu planen. Es reiche, sich regelmäßig zu fragen, welche Bedarfe absehbar sind und welche Optionen es dafür gibt. „Mit ganz wenig Planung und leichtem Vorausdenken kann man sehr, sehr viel an Planungssicherheit gewinnen“, sagt Strigel. Und dann können sich Unternehmerinnen und Unternehmer auf das Wesentliche konzentrieren: ihre Firma zu führen und weiterzuentwickeln.

Porträtbild von Leonard Strigel

Leonard Strigel

ist General Manager Europe mit Fokus auf den deutschen Markt bei You Lend. Er ist Experte für Embedded Finance und Revenue-Based Financing