Gastbeitrag

Prävention

Gesundheit messbar machen: Warum Blutwerte in den Alltag gehören

Wir zählen Schritte, tracken Schlafphasen und diskutieren über Herzfrequenzvariabilität. Aber die Werte, die mitentscheiden, ob jemand mit 60 einen Herzinfarkt erleidet oder mit 50 einen Diabetes entwickelt, sehen die meisten Menschen alle paar Jahre – wenn überhaupt. Dabei ist das Blut das einzige Medium, in dem Risiko sichtbar wird, lange bevor es Beschwerden macht. Das Problem ist selten der Zugang. Wir messen das Falsche. Und zu spät.

Zwölf Röhrchen mit Blutproben, um verschiedene Blutwerte zu testen

17.08.2026

Herz-Kreislauf: LDL allein reicht nicht

Der Check-up misst meist Gesamtcholesterin, LDL, HDL und Triglyzeride – ein Anfang, kein vollständiges Bild. Denn nicht die Cholesterinmenge treibt die Arteriosklerose, sondern die Zahl der Partikel, die sich in die Gefäßwand einlagern – und genau die bildet ApoB ab. Wer erhöhte Triglyzeride und einen belasteten Zuckerstoffwechsel hat, kann ein unauffälliges LDL und trotzdem viele Partikel haben.

Noch deutlicher ist die Lücke bei Lipoprotein(a): genetisch festgelegt, lebenslang stabil, bei etwa jedem Fünften erhöht. Eine einzige Messung im Leben würde genügen – sie passiert fast nie.

Diabetes: Der Wert, der Jahre zu spät steigt

Beim Zucker ist Timing das Problem. Gemessen wird die Nüchternglukose. Sie bleibt lange normal, weil die Bauchspeicheldrüse gegensteuert – mit immer mehr Insulin. Erst wenn das erschöpft ist, steigt der Blutzucker. Auch der Langzeitwert HbA1c reagiert erst im Prädiabetes. Die Folge: Betroffene leben im Schnitt acht Jahre mit einem unentdeckten Typ-2-Diabetes.

Die Insulinresistenz beginnt Jahre früher – messbar über das Nüchterninsulin und den daraus berechneten HOMA-Index. Das ist die Phase, in der Ernährung, Bewegung und Gewicht am meisten bewirken.

Wenn Müdigkeit ein Laborwert ist

Manche Werte erklären, warum jemand seit Monaten erschöpft ist. Der Eisenstoffwechsel gehört dazu: Ein normales Hämoglobin schließt einen Mangel nicht aus, weil die Speicher – abgebildet über Ferritin – lange vorher leer laufen. Betroffen sind vor allem Frauen im gebärfähigen Alter und Ausdauersportlerinnen. Bei Männern wird die Testosteronachse oft erst kontrolliert, wenn Antriebslosigkeit und Leistungsabfall längst da sind. Wer Supplemente nimmt, sollte den Ausgangswert kennen: Bei Vitamin D und Omega-3 zeigt eine Messung vorher und nach drei Monaten, ob die Dosis wirkt – oder das Präparat nie nötig war.

Zugang ist nicht das Problem

Messen lässt sich das alles: in der Arztpraxis, jenseits der Kassenleistung allerdings als Selbstzahler und nur, wenn die Praxis mitgeht. Über Labore mit Panels für Selbstzahler. Oder zu Hause: Drogerien führen inzwischen Selbsttests, meist über die Fingerbeere und für einen einzelnen Wert. Wer messen will, kann
messen.

Was fehlt, sind Multiplikatoren

Trotzdem passiert es zu selten. Den Check-up ab 35 nutzt einer Auswertung der Techniker Krankenkasse zufolge nur etwa jeder Vierte. Mindestens zwei Millionen Menschen wissen laut Deutschem Gesundheitsbericht Diabetes nichts von ihrer Erkrankung. Und laut OECD sterben hierzulande jährlich 195 von 100.000 Menschen an Ursachen, die durch Prävention oder rechtzeitige Behandlung vermeidbar wären.

Ein Geldproblem ist das nicht: Laut OECD fließen 6,4 Prozent der Gesundheitsausgaben in Prävention, mehr als im EU-Schnitt – bei den höchsten Pro-Kopf-Ausgaben der EU. Es ist ein Übersetzungsproblem. Zwischen einem Befund und einer geänderten Gewohnheit liegt eine Lücke, die kein Laborsystem schließt – sondern nur Menschen: Praxen, die sich Zeit nehmen, Arbeitgeber, die Vorsorge selbstverständlich machen, Apotheken, Kassen und alle, die Gesundheit verständlich erklären. Aus diesem Grund haben Christian Wolf und ich „Der Blutwerte-Kompass" geschrieben – ein Buch, das drei Fragen beantwortet: Warum messen? Welche Werte zuerst? Und was tun, wenn sie nicht ideal ausfallen?

Denn Prävention scheitert in Deutschland nicht an Technologie. Sie scheitert an Reichweite.

Portätfoto von Jonas Köller

Jonas Köller

ist Medizinstudent, gelernter medizinisch-technischer Laboratoriumsassistent (MTLA) mit über zehn Jahren Erfahrung im medizinischen Labor und Gründer von Köller Health. Auf Instagram und TikTok (@jonesrulez) erklärt er Blutwerte und Prävention. Zusammen mit Christian Wolf hat er „Der Blutwerte-Kompass“ geschrieben (NXT LVL Verlag, erscheint am 19. August 2026).