BIG BANG KI FESTIVAL

KI in der Medizin: Gesund bleiben statt Krankheit verwalten

Vor einem Jahr diskutierten Eric Bussert, Vorstand Vertrieb und Marketing der Hanse Merkur, und Mediziner Professor Jochen A. Werner an dieser Stelle darüber, wie KI die Medizin effizienter und zugleich menschlicher machen kann. Nun setzen sie ihren Mailwechsel fort. Im Mittelpunkt steht dabei eine zentrale Frage: Kann KI dazu beitragen, dass Menschen gar nicht erst krank werden?

HanseMerkur-Vorstand Eric Bussert und Prof. Jochen Werner diskutieren beim BIG BANG KI FESTIVAL über KI im Gesundheitswesen

10.09.2026

Ihr Austausch endete 2025 mit einer These: KI soll den Menschen in der Medizin nicht ersetzen, sondern Ärzten mehr Zeit für Empathie, Vertrauen und Gespräche verschaffen. Ein Jahr später gehen beide einen Schritt weiter. Vor dem BIG BANG KI FESTIVAL und dem Wiedersehen auf der Hanse Merkur Stage diskutieren sie darüber, wie KI Prävention verändern kann und warum gesunde Lebenszeit zum neuen Maßstab unseres Gesundheitssystems werden könnte.

Der große Knall in der Zukunft des Gesundheitswesens und seine Wurzeln

Was 2021 gemeinsam mit Professor Jochen A. Werner, damals noch Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Essen, und Professor David Matusiewicz, Ökonom, Dekan und Autor, erdacht und als Health-Event gestartet ist, hat auch selbst einen großen Wandel durchlebt – vom ersten Festival in Essen über steigende Besucherzahlen und den Umzug nach Berlin bis zur Erweiterung zum B2B-KI-Festival mit diversen Themenschwerpunkten. Das Thema Gesundheit aber ist als Konstante geblieben. Und ging 2025 noch einen Schritt weiter: Aus der „Merkur Stage“ vom Vorjahr wurde – wie schön können sprachliche Zufälle sein? – die „HanseMerkur Stage“. Grund genug für einen Mail-Austausch zwischen Eric Bussert, Vorstand Vertrieb und Marketing der Hanse Merkur Holding, und Professor Jochen A. Werner über die Bedeutung dieser Bühne und wo die Reise hingeht. Betreff: gemeinsam Zukunft gestalten.

Eric Bussert
an Professor Jochen A. Werner,
Dienstag, 18.08.26 – 10:06 Uhr
Lieber Herr Professor Werner,
ich freue mich, dass wir auch in diesem Jahr mit der Hanse Merkur Stage Teil des BIG BANG KI FESTIVALs sind. KI, Innovation und Zukunftsmedizin betreffen unmittelbar die Gesundheitsversorgung von morgen. Seit unserem Austausch hat die KI-Entwicklung weiter an Tempo gewonnen. Gleichzeitig erhöhen Fachkräftemangel, demografischer Wandel und steigende Kosten den Druck auf die Versorgung.

In diesem Zusammenhang musste ich an Ihre damalige These denken: Technologien sollten den Arzt-Patienten-Kontakt entlasten, nicht ersetzen und so mehr Raum für Empathie und Vertrauen schaffen. Wo erleben Sie heute, dass technologische Unterstützung und menschliche Zuwendung einander sinnvoll ergänzen?

Herzliche Grüße
Ihr Eric Bussert

Professor Jochen A. Werner
an Eric Bussert,

Dienstag, 18.08.26 – 11:35 Uhr
Lieber Herr Bussert,
dieser Gedanke hat sich für mich verstärkt. Nehmen Sie das ärztliche Gespräch: Wenn KI dokumentiert, Informationen strukturiert und Vorbefunde zusammenführt, muss der Arzt nicht gleichzeitig zuhören, dokumentieren und suchen. Er kann sich stärker dem Menschen zuwenden. Wir sprechen bei KI häufig über Geschwindigkeit, Präzision und Effizienz. Mindestens ebenso wichtig ist etwas anderes: gewonnene menschliche Zeit.

KI wird uns zudem helfen, Risiken zu erkennen, bevor Menschen krank werden. Damit verschiebt sich Medizin von der Reparatur hin zur Prävention. Richtig eingesetzt kann Technologie Medizin menschlicher machen. Wird aus dem Versicherer, der Krankheitskosten absichert, künftig stärker ein Partner, der Menschen dabei unterstützt, gar nicht erst krank zu werden?

Herzliche Grüße
Ihr Jochen Werner

Eric Bussert
an Professor Jochen A. Werner,
Donnerstag, 20.08.26 – 18:03 Uhr
Lieber Herr Professor Werner,
genau darin sehe ich eine Weiterentwicklung der privaten Krankenversicherung. Die Absicherung von Krankheitskosten bleibt unser Kernauftrag. KI und digitale Technologien ermöglichen darüber hinaus, Versicherte früher und individueller zu begleiten: Mit Vorsorgehinweisen, Gesundheitsinformationen und niedrigschwelligen Services.

Gerade bei Volkskrankheiten ist das Potenzial erheblich. KI könnte Risiken früher identifizieren und auf Früherkennungsangebote hinweisen – in der Onkologie ebenso wie bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die medizinische Verantwortung bleibt in ärztlicher Hand. Wo sehen Sie die größten Potenziale von KI für Prävention und Früherkennung und wo die Grenzen?

Herzliche Grüße
Ihr Eric Bussert

Professor Jochen A. Werner
an Eric Bussert,

Freitag, 21.08.26 – 00:50 Uhr
Lieber Herr Bussert,

das größte Potenzial sehe ich darin, Krankheiten früher zu erkennen. Im besten Fall, bevor sie entstehen. Heute handelt unser Gesundheitssystem überwiegend erst, wenn Menschen Beschwerden haben oder krank sind.

KI kann Laborwerte, Bildgebung, Vitaldaten und Krankengeschichten zusammenführen und darin komplexe Muster erkennen. Gerade bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und bestimmten Krebserkrankungen liegt enormes Potenzial.

Aber mehr Früherkennung ist nicht automatisch bessere Medizin. Je mehr wir messen, desto eher finden wir Auffälligkeiten, die vielleicht nie zu einer Erkrankung geführt hätten. Wir dürfen Menschen durch Risikoprognosen nicht zu vermeintlich Kranken machen. Das Ziel ist nicht maximale Diagnostik, sondern mehr gesunde Lebenszeit. Sollte der Erfolg einer Krankenversicherung künftig auch daran gemessen werden, wie viele gesunde Lebensjahre sie ihren Versicherten ermöglicht?

Herzliche Grüße
Ihr Jochen Werner

Eric Bussert
an Professor Jochen A. Werner,

Freitag, 21.08.26 – 14:21 Uhr
Lieber Herr Professor Werner,

genau diese Verschiebung halte ich für entscheidend. Menschen werden in Deutschland im Durchschnitt gut 81 Jahre alt, können jedoch nur mit rund 57 gesunden Lebensjahren rechnen. Genau in diesem Vierteljahrhundert liegt die zentrale gesellschaftliche und gesundheitspolitische Herausforderung unserer Zeit. Der Auftrag als Krankenversicherung geht für mich deshalb über Kostenerstattung hinaus: Sie sollte Menschen unterstützen, gesund zu bleiben. Dieses Prinzip fördern wir bei der Hanse Merkur seit Jahren durch Gesundheitsrabatte in unseren Vollversicherungstarifen. Digitale Gesundheitsservices, Telemedizin und KI können diesen Ansatz erweitern.

Zur Health Span gehört auch mentale Gesundheit. Einsamkeit, chronischer Stress und psychische Belastungen sind zentrale Gesundheitsrisiken. KI kann niedrigschwellige Zugänge schaffen und helfen, Belastungen früher zu erkennen. Welche Rolle spielt die mentale Gesundheit für die Health Span und wo stößt KI an Grenzen?

Herzliche Grüße
Ihr Eric Bussert

Professor Jochen A. Werner
an Eric Bussert,

Samstag, 22.08.26 – 14:29 Uhr
Lieber Herr Bussert,
gesunde Lebenszeit bedeutet körperliche und psychische Gesundheit. Ein Mensch kann medizinisch gut versorgt sein und sich trotzdem nicht gesund fühlen, wenn Einsamkeit oder chronischer Stress sein Leben bestimmen. KI kann Veränderungen früh erkennen und niedrigschwellig Menschen erreichen, die sonst keine Hilfe suchen würden. Die Grenze ist klar: KI kann menschliche Nähe unterstützen, sie darf sie nicht ersetzen. Ein Algorithmus kann Muster erkennen, aber keine echte Beziehung führen.

Deshalb müssen wir Erfolg anders messen. Die Frage lautet: Wie viele Jahre leben Menschen körperlich und psychisch gesund und sozial eingebunden? Wenn wir Health Span zum Ziel machen: Wo endet sinnvolle Unterstützung durch Versicherer und wo beginnt unerwünschte Einflussnahme?

Herzliche Grüße
Ihr Jochen Werner

Eric Bussert
an Professor Jochen A. Werner,

Dienstag, 25.08.26 – 07:29 Uhr
Lieber Herr Professor Werner,
entscheidend ist, wer die Kontrolle behält. Je mehr Gesundheitsdaten und KI-Anwendungen verfügbar werden, desto wichtiger wird das Recht des Einzelnen, selbst über deren Nutzung zu entscheiden. Die Krankenversicherung der Zukunft muss mehr sein als Gesundheitsdienstleister: Sie muss Vertrauensarchitekt sein. Sie sollte die Gesundheitskompetenz stärken, ohne Druck auszuüben. Menschen sollen nicht gelenkt, sondern befähigt werden.

Eine aktuelle YouGov-Umfrage im Auftrag der Hanse Merkur zeigt: 68 Prozent der Befragten plädieren für eine Präventionswende und einen stärkeren Fokus auf Vorsorge. Keine Organisation kann diese Aufgabe allein bewältigen. Darin liegt für mich auch eine zentrale Idee des BIG BANG KI FESTIVALs: Das Gesundheitswesen kann von anderen Branchen beim Umgang mit KI und Innovation lernen. Zugleich müssen Medizin, Versicherer, Wirtschaft, Wissenschaft, Start-ups und Politik enger zusammenarbeiten

Herzliche Grüße
Ihr Eric Bussert

Professor Jochen A. Werner
an Eric Bussert,

Dienstag, 25.08.26 – 14:43 Uhr
Lieber Herr Bussert,
der Begriff des „Vertrauensarchitekten“ gefällt mir. Je leistungsfähiger KI wird, desto wichtiger wird Vertrauen bei gleichzeitiger Selbstbestimmung. Für mich geht es um einen grundlegenden Wandel: weg von einem System, das auf Krankheit reagiert, hin zu einem Gesundheitswesen, das Gesundheit möglichst lange erhält. KI kann Risiken früher erkennen, Fachkräfte entlasten und Prävention individueller ermöglichen. Aber Technologie allein wird unser Gesundheitswesen nicht retten. Wir brauchen die Zusammenarbeit von Medizin, Versicherungen, Wissenschaft, Wirtschaft, Start-ups und Politik. Bei aller Begeisterung für KI dürfen wir nicht vergessen: Am Ende geht es um Menschen.

Die beste KI ist nicht diejenige, die den Menschen ersetzt, sondern diejenige, die uns hilft, länger gesund zu leben und wieder mehr Zeit füreinander zu haben. Ich freue mich darauf, diesen Dialog beim BIG BANG KI FESTIVAL in Berlin fortzusetzen.

Herzliche Grüße
Ihr Jochen Werner

Porträtfoto von Prof. Dr. Jochen A. Werner

Prof. Dr. Jochen A. Werner

ist Co-Host des BIG BANG KI FESTIVALS und war bis Mai 2025 Ärztlicher Direktor der Universitätsmedizin Essen

Porträtfoto von Eric Bussert

Eric Bussert

ist im Vorstand der Hanse Merkur und dort für die Ressorts Vertrieb und Marketing zuständig