Strategie

KI in Europa: Zwischen Aufbruch, Angst und Abhängigkeit

Die Debatte über Künstliche Intelligenz folgt häufig einem vertrauten Muster: Auf jede Ankündigung technologischer Durchbrüche folgt die Warnung vor Kontrollverlust. Während manche bereits Szenarien einer KI-Apokalypse entwerfen, stellt sich für Unternehmen eine deutlich praktischere Frage: Wie gelingt der Einstieg in eine Zukunft, die längst begonnen hat?

Foto von der Bühne des BIG BANG KI FESTIVAL 2026 während eines Paneltalks über KI in Europa

16.10.2026

Auf dem BIG BANG KI FESTIVAL in Berlin diskutierten Dr. Henrik Hahn, Head of AI Transformation & Governance von Vorwerk, Professorin Katja Nettesheim, Gründerin der Beratungsfirmen Mediate und Culcha, sowie Olaf Baumann, Country Manager Deutschland des IT-Spezialisten CMC Corporation, gemeinsam über Europas Rolle im globalen KI-Wettbewerb. Es war eine offene Debatte über Risiken, Chancen und die Frage, was passiert, wenn Europa den Anschluss verliert.

Ausgangspunkt war aber zunächst ein Thema, das die internationale KI-Community intensiv beschäftigt: die Warnungen prominenter Entwickler vor einem möglichen Kontrollverlust durch immer leistungsfähigere Systeme. Für Nettesheim sind solche Szenarien keineswegs bloße Fantasie. Gleichzeitig warnt sie davor, dass spektakuläre Untergangserzählungen den Blick auf andere, beeinflussbarere Herausforderungen verstellen könnten. „Die Mutter aller Risiken ist, dass wir abgehängt werden“, betonte sie. Unternehmen, Mitarbeitende und ganze Volkswirtschaften müssten sich vor allem fragen, wie sie die Entwicklung aktiv mitgestalten könnten, anstatt von ihr überrollt zu werden.

Genau darin liegt aus ihrer Sicht die entscheidende Herausforderung für Europa. Während in den USA und in China mit hoher Geschwindigkeit neue Anwendungen, Plattformen und Geschäftsmodelle entstünden, werde hierzulande oft noch über Risiken diskutiert, bevor die Chancen überhaupt verstanden seien. Wer KI aus grundsätzlicher Skepsis ablehne, schade am Ende vor allem sich selbst. „Es schneidet nur ins eigene Fleisch“, sagte Nettesheim mit Blick auf eine Haltung des Abwartens.

„Awareness schaffen, Potenziale nutzen“

Auch Baumann beobachtet in vielen Unternehmen eine Mischung aus Unsicherheit und Zurückhaltung. Der entscheidende Faktor sei dabei nicht die Technologie selbst, sondern die Fähigkeit, diese sinnvoll einzusetzen. Seine Organisation habe in den letzten Jahren Zehntausende Mitarbeitende in KI-Anwendungen geschult. Ziel sei es, Berührungsängste abzubauen und gleichzeitig einen verantwortungsvollen Umgang mit der Technologie zu fördern. „Nur wenn wir Awareness schaffen, können wir die Potenziale nutzen“, erklärte Baumann.

Für Hahn zeigt sich darin eine Erfahrung, die viele Unternehmen teilen: Die größten Risiken entstehen meist nicht durch eine hypothetische Superintelligenz, sondern durch mangelhafte Daten, unklare Prozesse oder fehlende Akzeptanz innerhalb der Organisation. Entsprechend verlagere sich die Diskussion schnell von den großen Zukunftsszenarien auf die Frage, wie Veränderung im Unternehmensalltag tatsächlich gelingen kann.

Ein zentraler Erfolgsfaktor ist dabei der konkrete Nutzen für die Beschäftigten. Transformation funk­tioniert selten per Anordnung, sondern durch Verständlichkeit und Relevanz. Nettesheim formulierte es pragmatisch: Menschen verändern ihr Verhalten erst dann, wenn sie erkennen, „what’s in it for them“. Wer die Vorteile von KI transparent vermittele und indi­viduelle Mehrwerte sichtbar mache, könne auch ­tiefgreifende Veränderungen erfolgreich begleiten. ­Besondere Verantwortung komme dabei den Führungskräften zu.

Für Nettesheim beginnt KI-Führung mit persönlicher Erfahrung. Wer die Möglichkeiten der Technologie nicht selbst erkundet habe, werde kaum in der Lage sein, eine tragfähige KI-Strategie für sein Unternehmen zu entwickeln. Noch immer gebe es zahlreiche Unternehmenslenker und Aufsichtsräte, die das Thema unterschätzten. „Und das weniger aus Ablehnung als aus mangelnder Vorstellungskraft darüber, welche Veränderungen KI tatsächlich ermöglichen kann“, so Nettesheim.

Weniger Angst, mehr Gestaltungswillen

Hahn ergänzte diesen Gedanken um eine kulturelle Perspektive: Führungskräfte müssten den Einsatz von KI nicht nur fördern, sondern sichtbar vorleben. Es gehe darum, Erfahrungen zu teilen, Erfolge ebenso wie Fehlschläge offen anzusprechen und Mitarbeitende aktiv mitzunehmen. Transformation entstehe nicht durch Anweisungen, sondern durch gemeinsames Lernen. Naheliegend, dass die Diskussion von dort zur Frage der digitalen Souveränität führte. Sollte Europa seine Kräfte vor allem auf Regulierung konzentrieren oder stärker in eigene Modelle, Plattformen und KI-Ökosysteme investieren? Die Antworten fielen differenziert aus.

Baumann verwies auf Vietnam, das gezielt in eigene Sprachmodelle investiert, um technologische Abhängigkeiten zu reduzieren. Europa müsse ebenfalls eine eigene Identität im Bereich Künstliche Intelligenz entwickeln, dürfe dabei jedoch die Realität nicht ausblenden. „Wir hängen noch sehr weit mit unseren Modellen zurück“, warnte er. Gleichzeitig sprach er sich für internationale Partnerschaften aus. Europa müsse nicht jede Lösung allein entwickeln, sondern könne gezielt Kooperationen nutzen, um Geschwindigkeit und Innovationskraft zu gewinnen.

Nettesheim plädierte ebenfalls für Pragmatismus. Absolute Unabhängigkeit sei kurzfristig kaum erreichbar. Sehr wohl könnten Unternehmen jedoch technische Architekturen schaffen, die einen schnellen Wechsel von Anbietern ermöglichen und dadurch Handlungsspielräume sichern. Digitale Souveränität beginne deshalb nicht erst auf staatlicher Ebene, sondern bereits bei strategischen Technologieentscheidungen in den Unternehmen.

Am Ende blieb vor allem eine Botschaft hängen: Europa braucht weniger Angst und mehr Gestaltungswillen. Oder wie Hahn zusammenfasste: Die Menschen müssten keine Angst vor KI haben. Entscheidend sei der Mut, den nächsten Schritt zu gehen. Schließlich sei Europa zu bedeutend, um im globalen Wettbewerb lediglich Zuschauer zu bleiben. So wurde aus einer Diskussion, die mit Warnungen vor Kon­trollverlust begonnen hatte, am Ende ein Plädoyer für Zuversicht, Kompetenz und unternehmerischen Mut. Das könnte womöglich die wichtigste Aufgabe Europas im KI-Zeitalter sein.

Dr. Hendrik Hahn

ist Head of AI Transformation & Governance bei Vorwerk

Professorin Katja Nettesheim

ist Gründerin der Beratungsfirmen Mediate sowie Culcha

Porträtfoto von Olaf Baumann

Olaf Baumann

ist Country Manager Deutschland des IT-Spezialisten CMC Corporation