Satte 2,3 Millionen Euro kostet eine einzige Spritze einer neuartigen Gentherapie gegen eine seltene Muskellähmung bei Neugeborenen – aktuell das teuerste Produkt in der Medikamentenliste der Barmer. Ein astronomischer Preis für ein junges Leben. Doch wie viel ist uns Gesundheit wert, wenn technologischer Fortschritt auf die harten Grenzen der Bezahlbarkeit trifft? Über genau diese Frage diskutierte Christoph Straub, Chef der Barmer, auf der Bühne des BIG BANG KI FESTIVALS mit Verleger und Festival-Host Jens de Buhr.
Die Revolution kommt auf leisen Sohlen
Wer bei Künstlicher Intelligenz im Gesundheitswesen den ganz großen Systemwechsel erwartet, wird enttäuscht. Straub sieht die Revolution eher im Verborgenen. KI werde zwar schon an allen Ecken eingesetzt, ändere die Versorgungsstrukturen vorerst aber nicht. Ganz anders verhalte es sich in der Pharmabranche: In Forschung und Entwicklung schlummere enormes Potenzial. „Was sich verändern wird, ist die Geschwindigkeit“, so Straub. „Die Produktivität des Forschungssystems der pharmazeutischen Industrie wird noch mal deutlich steigen.“ Ein Beispiel dafür ist ein neues Hautkrebsmedikament, das bereits in Phase drei beeindruckende Heilungserfolge erzielt.
Doch während die Chancen sprießen, regiert in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) das Spardiktat. Eine große GKV-Reform steht bevor, was den Bogen zurück zur millionenteuren Spritze schlägt. Erfordert eine Einmaltherapie am Ende doch Folgebehandlungen, gerät das Leistungsversprechen ins Wanken. Straub fordert deshalb eine Anpassung des Arzneimittelbewertungsverfahrens: „Ein System muss darauf reagieren, weil wir wollen, dass der Fortschritt bezahlbar bleibt, damit ihn alle bekommen. Innovationen sollen ins System kommen, aber wir müssen sie bezahlen können – diese Balance muss man immer wieder nachjustieren.“
Persönlich zieht der Barmer-Chef klare Grenzen beim Einsatz von Algorithmen und schmunzelt über die Führungsebene: „Ich weiß, dass viele unserer Führungskräfte die Weihnachtsschreiben an ihre Mitarbeitenden mit KI formulieren. Da bin ich zu stolz.“ Für den Manager wird es das letzte Mal sein, dass er Neujahrswünsche an sein Team verschickt, da er nach 25 Jahren Vorstandsarbeit zum Jahresende ausscheidet. Der Politik gibt er zum Abschied klare Worte mit auf den Weg: „Weniger Populismus, mehr Verstand“. Statt kleiner Flickschustereien in jeder Legislaturperiode müssten Bund und Länder endlich verlässlich an einem Strang ziehen.
