Wochen dauernde Energieanalysen schrumpfen auf wenige Minuten. Künstliche Intelligenz übernimmt einen großen Teil der Dokumentation in Arztpraxen. Ein Wasserzähler wird zum Sensor, ein Roboter zum lernfähigen Assistenten: Wer wissen will, welche Innovationen von deutschen Unternehmen gerade entwickelt werden, sollte nicht nur auf Patentanmeldungen, Forschungsbudgets oder internationale Rankings schauen. Sondern darauf, was Unternehmen tatsächlich entwickeln.
Einerseits haben 41 Prozent der mittelständischen Unternehmen zwischen 2022 und 2024 mindestens eine Innovation hervorgebracht, zwei Prozentpunkte mehr als im vorherigen Vergleichszeitraum. Die Innovationsausgaben stiegen 2024 auf 35,4 Milliarden Euro. Andererseits warnt die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) davor, dass sich die Innovationstätigkeit zunehmend auf wenige, vor allem größere Unternehmen konzentriert. Genau in diese Gemengelage fällt der BIG BANG INNOVATION Award, den das Deutsche Institut für Service-Qualität (DISQ) und BIG BANG UNTERNEHMER zum zweiten Mal gemeinsam vergeben haben. Auf dem BIG BANG KI FESTIVAL in Berlin wurden 53 Projekte in 22 Kategorien ausgezeichnet. 18 davon wählte eine Jury aus Wirtschaft und Wissenschaft aus, 35 weitere erhielten erstmals den BIG BANG UNTERNEHMER-Redaktionspreis. Was die ausgezeichneten Projekte verbindet, ist ein Prinzip: Innovation muss ein Problem lösen. Beim Jurypreis zählten deshalb neben der Originalität und dem Ausmaß des technischen, sozialen oder wirtschaftlichen Wandels auch Kundennutzen, Skalierbarkeit und Reichweite.

Vom Experiment zum Geschäft
Wie konkret das werden kann, zeigt der Versorger EWE. Das KI-gestützte Tool „Decarb“ verändert die Energieberatung für Industriekunden. Statt Energiestrategien über Wochen für einzelne Anlagen und Standorte zu berechnen, modelliert die Software innerhalb weniger Minuten das Zusammenspiel von Photovoltaik, Speichern, Wind-Power-Purchase-
Agreements und Energiebeschaffung über mehrere Standorte hinweg. Energiemarkt und Regulierung fließen in die Berechnung ein. Die Jury überzeugte besonders das Prinzip der „versteckten Komplexität“: fachliche Tiefe im Hintergrund, einfache Bedienung für die Nutzenden.
Bei Red Medical Systems geht es um eine der knappsten Ressourcen im Gesundheitswesen: Zeit. Der KI-Assistent „Red AI“ ist direkt in ein cloudbasiertes Praxisverwaltungssystem integriert. Er verwandelt Audioaufnahmen in strukturierte Sitzungsprotokolle oder Arztbriefe, fasst Patientenakten zusammen und unterstützt bei Abrechnungsprüfungen und der Erkennung von Arzneimittel-Wechselwirkungen. Nach den für den Award eingereichten Angaben kann damit der Dokumentationsaufwand in Arztpraxen um bis zu 70 Prozent sinken.
Dass Innovation nicht immer nach Hightech-Labor aussehen muss, beweisen die Stadtwerke Pforzheim. Gemeinsam mit dem Software-Start-up Suru machen sie aus dem klassischen Wasserzähler einen digitalen Sensor. Ultraschallzähler, IoT-Infrastruktur und Leckage-Erkennung sollen Wasserschäden frühzeitig feststellen. Gleichzeitig entsteht die Grundlage für einen digitalen Zwilling des Wassernetzes. Bürgerinnen und Bürger, Versicherer und Versorger können davon gleichermaßen profitieren. Die Jury sah darin einen Pilotcharakter für die Wasserwirtschaft. Das sind nur drei Beispiele für hiesige Innovationen.
Technologie wird erwachsen

Eine Technologie zieht sich auffällig durch viele der prämierten Projekte: Künstliche Intelligenz. Sie analysiert Fahrzeugschäden, optimiert Batteriesysteme, unterstützt Produktentwickler, trainiert Führungskräfte oder steuert Roboter. Das ist bemerkenswert, weil der Mittelstand bei anspruchsvollen KI-Anwendungen noch am Anfang steht. Wie unterschiedlich KI eingesetzt werden kann, zeigt das Modestyling-Start-up Aurelle. Die Anwendung setzt nicht beim nächsten Kleidungsstück an, sondern beim vorhandenen Kleiderschrank und bei den individuellen Vorlieben ihrer Nutzenden. Mitgründerin Elena Schulte-Ladbeck beschreibt den Ansatz so: „Die eigentliche Innovation von Aurelle liegt für uns in einem Perspektivwechsel: Statt beim Produkt zu beginnen und den passenden Menschen zu suchen, beginnen wir beim Menschen und schauen von dort auf die Modewelt. KI eröffnet damit die Möglichkeit, persönliche Stylingberatung sehr viel mehr Menschen zugänglich zu machen – indem sie hilft, den eigenen Stil bestmöglich auszudrücken.“
Wie der nächste Schritt aussehen könnte, zeigen jedoch bereits einige Gewinner des Redaktionspreises. „MiPA“ von Neura Robotics ist ein modularer Assistenzroboter, der autonom in Innenräumen navigiert, seine Umgebung erfasst und mittels adaptiver KI neue Aufgaben erlernen kann. Der „CA-1“ der Circus Group wiederum ist ein autonomer Kochroboter, bei dem KI unter anderem Nachfrageprognosen, Abläufe und Fehlererkennung unterstützt. Für den erstmals vergebenen BIG BANG UNTERNEHMER-Redaktionspreis wurden insgesamt rund 100 Innovationsprojekte aus den Bereichen KI, Digitalisierung und Transformation systematisch gesichtet. Bewertet wurden unter anderem Innovationsgrad, KI-Relevanz, Kundennutzen und Zukunftspotenzial. Unter den Gewinnern finden sich Start-ups ebenso wie Mittelständler und etablierte Unternehmen. Schirmherrin ist die ehemalige Bundeswirtschafts- und Bundesjustizministerin Brigitte Zypries.
